Doppelrezension: «Zukunfts-Chroniken: Ihr Hobot, zu Diensten» und «Zukunfts-Chroniken: Der letzte Widerstand»


In der freien Hörspielszene ist nicht selten der Weg das Ziel, denn nicht alles, was dort in Angriff genommen wird, schafft es schließlich auch zur Veröffentlichung. Der Arbeitsaufwand ist groß, die Freizeit der Enthusiasten, die sich dem Erschaffen eigener Hörspiele verschieben haben, dagegen eher gering. Die Folge sind lange Produktionszeiten, in deren Verlauf immer wieder Projekte zum Erliegen kommen. Damit seiner anthologischen Reihe Die Zukunfts-Chroniken dieses Schicksal erspart bleibt, verteilte Autor Frank Hammerschmidt die anfallenden Aufgaben von Beginn auf mehrere Schultern: Die Regie übernahm er selbst, die Sprecherinnen und Sprecher stammen aus den Reihen des Hoerspielprojekts, Schnitt, Musikauswahl und Sounddesign übernimmt die Hörspiel-Werkstatt Bad Hersfeld. Auf diese Weise entstanden seit Februar 2015 in für unkommerzielle Verhältnisse recht kurzer Zeit sechs Folgen der Zukunfts-Chroniken, von denen die jüngste am Samstag, dem 29. Oktober, im Webradio von hoerspielprojekt.de ihre Premiere feiert. Wie ihre Vorgänger, so wird auch Zukunfts-Chroniken: Der letzte Widerstand anschließend zum kostenfreien Download freigegeben.

Ehe die kommende Folge zur Besprechung ansteht, geht der Blick des Rezensenten jedoch zunächst einmal zurück in den Juli diesen Jahres, als Zukunfts-Chroniken: Ihr Hobot, zu Diensten ihre Veröffentlichung erlebte. Seither harrt sie einer Besprechung, die ihr nun endlich zuteil werden soll. Angesiedelt hat Frank Hammerschmidt den Plot auf dem Jupitermond Elara, ein durch Terraforming bewohnbar gemacht und in ein exklusives Urlaubsresort verwandelt wurde. Dorthin begibt sich das Studenten-Quartett Steve (gesprochen von Marcel Ellerbrok), Anthony (Jan Münter), Christopher (Dennis Oberhach) und Douglas (Pascal Runge), um - Christophers vermögender Vater macht's möglich – so richtig abzufeiern und Mädchen aufzureißen. Das Quartier, dass die jungen Männer auf Elara beziehen, bietet ihnen allen erdenklichen Luxus – inklusive eines Dienstroboters in weiblicher Gestalt, dem sie den Namen Marilyn geben. Dieser Hobot ist darauf programmiert, seinen Herren jeglichen Wunsch zu erfüllen. Doch wie Steve und seine Kumpels nach einer durchzechten Nacht zu ihrem Schrecken feststellen müssen, war der Programmierer der Hobot-Software wohl etwas übereifrig: Marilyn führt nämlich wirklich jeden Befehl wortwörtlich aus. Mit tödlichen Folgen...

Bei seinem fünften Zukunfts-Chroniken-Skript stand Frank Hammerschmidt der Sinn offenbar nach gradliniger SF-Action, orientiert bzw. als Hommage an Michael Crichtons Westworld. Die Parallelen sind offensichtlich, das Ansinnen durchaus legitim. Sind die vier menschlichen Hauptfiguren erst einmal eingeführt (vom Großmaul bis zum Leisetreter ist alles vorhanden), spult sich der Plot im weiteren Verlauf ohne große Umwege konsequent ab. Muss er angesichts der bewusst kompakt gewählten Spielzeit von ca. 34 Minuten (inkl. Intro und Credits) auch tun. Auf Elara eingrtroffen, machen die Urlauber Bekanntschaft mit ihrem Hobot (mit herrlich unschuldig-seelenloser Freundlichkeit in der Stimme: Hannah Jöllenbeck), ehe sie sich ins Getümmel stürzen. Auf die eigentlich doch recht gelungene Nacht folgt dann jedoch das böse Erwachen. Frank Hammerschmidt bedient sich eines bewährten Erzählmusters, wenn er zunächst - gleichwohl in einem futuristischen Kontext – Alltägliches schildert (junge Männer feiern ausgelassen und sind dabei dem anderen Geschlecht nicht abgeneigt), ehe er ein erstes, dann ein zweites unerwartetes Ereignis in diese Normalität einbrechen lässt. Darauf aufbauend eskaliert die Situation dann endgültig. Der Grund für diese Eskalation hält zwar einer strengen Überprüfung nicht unbedingt stand, beschert dem Hörspiel dafür allerdings jene dramatischen Actionszenen, auf die der Plot sowieso die ganze Zeit hingearbeitet hat. Darum sei es Frank Hammerschmidt an dieser Stelle verziehen, wenn er die Dinge um des Unterhaltungswertes willen ein wenig übers Knie bricht. Denn immerhin gibt es da auch noch das augenzwinkernde Finale.

Stimmlich stellt Marcel Ellerbrok als introvertierter, zurückhaltender Steve einen schönen Kontrast zu Dennis Oberhach dar, der seiner Figur Christopher genau jene Großspurigkeit verleiht, die es braucht, um ihn für das Publikum unsympathisch wirken zu lassen. Man kann jedoch geteilter Meinung darüber sein, ob es eine so gute Idee war, ausgerechnet den schüchternen Steve zum Ich-Erzähler dieser Geschichte zu machen, denn so energiearm, wie Steve sich in den Dialogen geriert, schildert er auch das Geschehen. Auch wenn Ellerbrok seine Rolle die ganze Zeit über konsequent durchhält, also genau das liefert, was bringen soll, wäre ein dynamischer auktorialer Erzähler durchaus eine Option gewesen. Allerdings stiehlt Hannah Jöllenbeck als Hobot Marilyn ihren männlichen Kollegen ohnehin die Schau: Ihre Stimme transportiert eine Verbindung aus an kindliche Unschuld erinnernder Naivität und mangels Wärme unheimlich wirkender Höflichkeit, der soviel Künstliches anhaftet, dass man problemlos zu glauben bereit ist, Marilyn als künstliches Wesen zu akzeptieren. Natürlich wurde zu Sicherheit auch noch ein Effekt auf Jöllenbecks Stimme gelegt, doch der Sprecherin muss man attestieren, dass die eigentliche Überzeugungsarbeit von geleistet wurde.

Hinsichtlich der des Sounddesigns und Abmischung dürfte die Disco-Szene wohl am kompliziertesten gewesen sein. Denn einerseits musste der Eindruck eines vollbesetzten, von lauter Musik erfüllten Tanztempels erzeugt werden, während gleichzeitig die Dialoge im Umgebungslärm nicht untergehen durften. Dieser Spagat ist der Hörspiel-Werkstatt Bad Hersfeld durchaus gut gelungen. Dass in ungefähr hundert Jahren immer noch die gleiche nervige Techno-Musik gespielt wird, ist zwar keine schöne Aussicht, angesichts der heute schon erschreckenden Ideenlosigkeit der Musikindustrie aber durchaus wahrscheinlich. Von einem Klangraum, der wirkungsvoll ein akustisches Umfeld für das Geschehen bereitstellt, profitieren auch die übrigen Szenen des Hörspiels, so dass ZC: Ihr Hobot, zu Diensten den Vergleich zu anderen unkommerziellen Produktionen nicht scheuen braucht.

Zukunfts-Chroniken: Ihr Hobot, zu Diensten lässt einen als Hörer mit dem guten Gefühl zurück, ca. 34 Minuten lang eingängige, unterhaltsame Hörspielkost aus der Küche der freien Hörspielszene erlebt zu haben. Wer sich auf eine gradlinige Science-Fiction-Story mit kompakter Spielzeit und Anklängen an ein bekanntes Vorbild einstellt, dürfte an dem, was Frank Hammerschmidt, Hoerspielprojekt und die Hörspielwerkstatt-Bad Hersfeld mit dieser Produktion anbieten haben, durchaus Gefallen finden.


Dem Gebot der Vielfalt folgend, geht der Plot von ZC: Der letzte Widerstand in eine ganz andere Richtung als der des Vorgängers. Dieses Mal erzählt Frank Hammerschmidt von der entscheidenden Phase einer Invasion durch Aliens, der die Hauptstadt des größten Landes des Planeten sehr bald zum Opfer fallen wird. Weil schon seit längerem keine Aussicht mehr besteht, die Niederlage noch abzuwenden, baut man an einer Weltraumarche, die einer kleinen Schar die Flucht ins Weltall und eine Zukunft ohne Krieg ermöglichen soll. Das Schiff ist fast fertig, doch der Energieschirm, der die Hauptstadt bisher geschützt hat, droht zusammenzubrechen, ehe man zum Abflug bereit ist. Was man braucht, ist noch ein wenig mehr Zeit. Zwei Soldaten - einer zu Fuß und einer an Bord eines „Kriegshülle“ genannten Kampfroboters - werden ausgesandt, um sich den Angreifern zu stellen und den Flüchtenden so jene Stunden zu verschaffen, die sie so dringend brauchen.

Hörspiele werden nicht ohne Grund gerne Ohrenkino genannt. Die Kombination aus Stimmen, Geräuschen und Musik erzeugt im Bewusstsein des Hörers Bilder, lässt gewissermaßen vor seinem inneren Auge einen Film ablaufen. Und zwar einen, den sich jeder gemäß seiner Vorstellungskraft, seiner Erfahrungen, Erwartungen und Neigungen ein Stück weit individuell zusammensetzt. Frank Hammerschmidt macht sich diesen Umstand in der neuesten Folge seiner Reihe Zukunfts-Chroniken nun zunutze. Die beiden zentralen Figuren der Geschichte sind ein altgedienter Soldat und ein Frischling ohne Einsatzerfahrung. Weil Namen im Krieg angeblich alles nur schwieriger machen, besteht der Veteran (Matthias Ubert) darauf, lediglich mit Commander angesprochen zu werden; gemäß seiner Aufgabe gibt er dem Youngster (Marco Rosenberg) den Namen Späher. Dieser soll nämlich Fußtruppen ausmachen und eliminieren, während sich der Commander sich als Pilot der Kriegshülle die großen Geschütze vornimmt, die der Gegner bereits in Stellung gebracht hat. Dass es sich um eine Kamikaze-Mission handelt, da keiner von ihnen auf der Liste der Glücklichen steht, die mit der Arche fliehen dürfen, ist beiden von Beginn an klar. Aber wenn sie schon sterben müssen, wollen sie vorher noch so viele Feinde wie möglich mitnehmen. Und der Plot gibt ihnen ausreichend Gelegenheit dazu. Parallel zu diesem Erzählstrang gibt es noch einen weiteren um die Hohe Kanzlerin (Dorle Hoffmann) und ihren Minister (Werner Wilkening), die gemeinsam die Mission verfolgen, während sie sich auf den Abflug vorbereiten. Der Späher ist für die Kanzlerin alles andere als ein Unbekannter – entsprechend groß sind ihre Gewissensbisse, ausgerechnet ihn in diese Schlacht gegen eine übermächtigen Feind geschickt zu haben. Und während die Regierungschefin mit ihrer Entscheidung hadert und vor dem Energieschirm die Schlacht tobt, sucht ein kleiner Junge namens Trümmerspringer seinen eigenen Weg durch das Chaos.

Damit die Geschichte die gewünschte Wirkung erzeugen kann, ist es unabdingbar, dass sich der Hörer für die Charaktere Sympathie empfindet. Das Duo aus altem Haudegen und sprücheklopfendem Frischling; die Kanzlerin, die von der Last der Verantwortung für ihr Volk erdrückt wird; der kleine Trümmerspringer, dem der Krieg die Familie genommen hat und der in den Trümmern nach Essbarem sucht. Dies alles ist darauf ausgerichtet, dass einem die Figuren nicht egal sind. Man soll für sie Partei ergreifen. Man soll ihnen Erfolg wünschen. Und vor allem soll man die Invasoren dafür hassen, was sie der Welt angetan haben. Denn nur so kann der Schluss beim Hörer seine volle Wucht entfalten. Bis es jedoch soweit ist, lässt ZC: Der letzte Widerstand es erst einmal ordentlich krachen. Die Hörspiel-Werkstatt musste sich dieses Mal richtig ins Zeug legen, denn eine Abwehrschlacht, die sich eher wie ein Tontaubenschießen anhört, hätte die Wirkung der Geschichte komplett zunichte gemacht. Dessen war man sich offenbar auch in Bad Hersfeld nur allzu bewusst und ging gar nicht erst irgendwelche Risiken ein: Dieser Kampf ist einer, der sich richtig gewaschen hat. Der Wechsel zwischen den Erzählsträngen verleiht der Geschichte Dynamik, die Zuspitzung der Ereignisse gelingt, die Handlung mündet in ein süß-bitteres Finale. Eine wirklich starke Geschichte.

Matthias Ubert weiß in seiner Rolle als Commander zu gefallen, denn seine Stimme verfügt über das richtige Timbre, um glaubwürdig einen zynischen, desillusionierten Krieger zu verkörpern, für den der Tod mehr eine Erlösung denn eine Niederlage ist. Marco Rosenberg hingegen klingt jugendlich genug, dass man ihm den unerfahrenen Späher abnimmt, der den Krieg nur aus dem Simulator kennt. Dorle Hoffmann verleiht der Hohen Kanzlerin Würde, und Werner Wilkening ist eine absolut sichere Bank, wenn es darum geht, gereiften Männern (in diesem Falle einem erfahrenen Minister) die Stimme zu leihen. Im kommerziellen Sektor werden nicht selten erwachsene Sprecherinnen und Sprecher geholt, um Jugendliche oder auch Kinder darzustellen. Die Macher von ZC: Der letzte Widerstand entschieden sich jedoch gegen diesen Weg und stattdessen dafür, die Rolle des Trümmerspringers in wirklich junge Hände zu legen – nämlich in die von Justus Jonas Ellerbrok. Die Glaubwürdigkeit der Figur profitiert deutlich von dieser Entscheidung, und der junge Ellerbrok macht seine Sache richtig gut.


Nach einer unterhaltsamen fünften Folge, die jedoch nicht unbedingt zum Nachdenken anregte, kommt mit ZC: Der letzte Widerstand nun eine, die wesentlich mehr dazu geeignet ist, im Bewusstsein des Publikums nachzuschwingen. Nicht zuletzt deshalb, weil der Schluss einen die Bilder hinterfragen lässt, die man während des Hörens im Kopf hatte. Diese Eigenschaft macht Folge 6 zu einem gelungenen Hörspiel und einem würdigen Vertreter der Zukunfts-Chroniken-Reihe.

Zukunfts-Chroniken: Der letzte Widerstand erlebt am Samstag, dem 29. Oktober 2016, ab 19:00 Uhr seine Premiere im Webradio von hoerspielprojekt.de. Anschließend steht das Hörspiel zum kostenfreien Download zur Verfügung.

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