Buchbesprechung: «Invasion der Zukunft - Die Welten der Science-Fiction» von Hans-Peter von Peschke (Theiss Verlag)


Die Science-Fiction gehört zu den vielseitigsten Genres überhaupt. In der Tat nennt sie so viele unterschiedliche Ausprägungen ihr Eigen, dass es gar nicht so einfach ist, den Überblick zu behalten oder - sofern man neu in die SF einsteigt - ihn überhaupt erst zu bekommen. Hans-Peter von Peschke, von Haus aus promovierter Historiker, Publizist, Journalist und zudem langjähriger bekennender Science-Fiction-Fan, möchte da Hilfestellung leisten. Sein neues Buch trägt den Titel Invasion der Zukunft – Die Welten der Science-Fiction und ist mit einem Umfang von 320 Seiten am 12. September 2016 beim Theiss Verlag, einem Imprint der WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), erschienen.

Science-Fiction zeigt die Zukunft in kühnen technischen Visionen von gigantischen Städten, in denen Raumschiffe herumflitzen und Roboter weisen Herrschern jeden Wunsch erfüllen. Ebenso bedient sie existenzielle Alpträume von der totalen Kontrolle, der Allmacht der Computer und dem Leben nach dem Atomkrieg. Willkommen in der Welt von ›Star Wars‹, ›X-Men‹, ›Dune‹ und ›Perry Rhodan‹! Dieses Buch bietet einen konkurrenzlos umfassenden Überblick zu allen Bearbeitungen des Genres in Literatur, Comic, Film, TV und Computerspiel. Pointiert geschrieben, klar gegliedert und amüsant zu lesen, nimmt es uns mit auf eine intergalaktische Zeit-Reise und verrät noch obendrein, was Zukunftsträume über unsere Gegenwart sagen. (Inhaltsbeschreibung auf der Verlagswebsite)

Es gibt unterm Strich zwei Strategien, wie man das Projekt einer Überblicksdarstellung zum Thema Science-Fiction angehen kann: Entweder, man arbeitet nacheinander die maßgeblichen Medien Literatur, Film, Fernsehen etc. ab, oder man stellt die zentralen Themen und Motivkreise des Genres in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hans-Peter von Peschke hat sich für letztere Vorgehensweise entschieden. Eine gute Wahl, denn so kann er sich in seinem Buch auf ausgewählte Werke der vorgenannten Medien beziehen und geht gleichzeitig dem Vorwurf mangelnder Vollständigkeit direkt aus dem Weg. Deutet bereits die Einleitung, in der einen der Autor auf eine Zeitreise mitnimmt, die große inhaltliche Vielfalt der Science-Fiction an, so offenbart sie sich dem Leser in den sich anschließenden 10 Kapiteln dann vollends. Die thematische Bandbreite reicht dabei von Utopie und Dystopie, über Technoträume und Katastrophenszenarien, bis hin zu Alternativwelten und der Eroberung des Weltalls; dem deutschen SF-Urgestein Perry Rhodan widmet von Peschke sogar ein eigenes Kapitel. Jedes Kapitel gliedert sich wiederum in mehrere Unterpunkte, so dass innerhalb des jeweiligen Themenfelds relevante Motivkreise oder auch besonders einflussreiche TV-Serien bzw. Filmreihen behandelt werden können. Abgerundet werden die Kapitel durch kurze Exkurse, genannt SF-Spezial, die graphisch vom übrigen Text abgegrenzt sind. Da die einzelnen Kapitel vom Autor als in sich abgeschlossene Einheiten angelegt wurden, stellt die Reihenfolge, in der sie Eingang ins Buch fanden, lediglich einen Lesevorschlag dar. Wer mag, kann entsprechend den eigenen Präferenzen problemlos von ihr abweichen und einem individuellen Pfand durch die Welten der Science-Fiction folgen. Am Schluss des Buches listet eine Bibliographie neben Sekundärliteratur zudem die im Text genannten Romane, Serien, Filme und Computerspiele auf.

Von Peschke ist ein profunder Kenner der Materie, daran besteht nach der Lektüre seines Buches kein Zweifel. Einem Schubladendenken, das die SF in das Korsett einer in Stein gemeißelten Genredefinition zwängt, erteilt er bereits im Vorwort eine Absage. Vielmehr wendet er eine breit angelegte Definition an, die sich mehr an der Wahrnehmung der SF durch das Publikum orientiert. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass er u.a. der Zombie-Thematik, die sich der SF zumeist lediglich als Hilfsmittel zur Begründung für den Ausbruch einer Untoten-Epidemie bedient, in seinem Buch Raum einräumt. Persönlich scheint von Peschke hingegen einer übermäßig starken Vermischung der Science-Fiction mit anderen Genres (wie beispielsweise der Fantasy) nur bedingt etwas abgewinnen zu können, wie er zwischen den Zeilen immer wieder durchscheinen lässt. Von Dogmatismus ist er zwar weit entfernt, doch es gibt für ihn offenbar Grenzen des Zulässigen. Eine überaus gesunde Einstellung, die Flexibilität und gleichzeitig ein Bekenntnis zu den Grundlagen des Genres miteinander in Einklang bringt.

Invasion der Zukunft – Die Welten der Science-Fiction wendet sich in erster Linie an Neueinsteiger oder gelegentliche SF-Konsumenten, weiß durch einen pointierten, kurzweiligen Stil jedoch auch langjährige Science-Fiction-Fans zu unterhalten. Als Historiker versteht es von Peschke anschaulich herauszuarbeiten, wie sich im Laufe der Jahrzehnte unter dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen Schwerpunkte und Fragestellungen innerhalb der SF verändert haben, wie das Genre Zukunftsglauben und Ängste aufgegriffen und reflektiert hat, um seinerseits zu inspirieren, aber auch vor zukünftigen Entwicklungen zu warnen. Dieser Wechselwirkung verdankt die Science-Fiction ihre ungebrochene Populariät, und der erklärte SF-Fan von Peschke erweist ihr und ihren zahlreichen Spielarten mit einem Buch die gebührende Reverenz. Gleichwohl zeigt er dabei auch Schattenseiten auf, wenn er beispielsweise den Einfluss rechten Gedankenguts auf die Military-SF thematisiert oder die starke männliche Dominanz im Genre bemängelt. Und auch für das deutsche SF-Fandom der alten Schule mit seiner Neigung, sich in kleinliche Grabenkämpfe zu verstricken, hat von Peschke Kritik übrig. Sein Ausblick auf die Zukunft der Science-Fiction bleibt dessen ungeachtet positiv: Das Genre mit seiner Mischung aus auf schlichte Unterhaltung abzielende Produktionen und jene, die zum Nachdenken über zukünftige technische und gesellschaftliche/politische Entwicklungen anregen, wird auch auf lange Sicht Bestand haben und dem Publikum spannende und anregende Gedankenspiele anbieten.

Wollte man an Invasion der Zukunft – Die Welten der Science-Fiction etwas bemängeln, dann wären dies zwei Dinge: Einmal wäre da der Umstand zu nennen, dass das Buch ohne jegliche Illustrationen daherkommt. Zwar ließe ich argumentieren, im Internetzeitalter könne sich der Leser Bildmaterial bei Interesse problemlos selbst verschaffen, doch zur Auflockerung des Textes und gerade weil sich dieses Werk nicht zuletzt auch an SF-Neulinge richtet, hätte es sich angeboten, zumindest im überschaubaren Rahmen Fotos einzubinden. Kleine Abzüge bekommt zudem der Anhang, der zwar aus einer umfangreichen Bibliographie besteht, aber kein Register kennt: Eine gezielte Suche nach Autoren, Filmen, Serien etc. ist dadurch leider nicht möglich. So etwas gehört zu einem Sachbuch eigentlich dazu.

Dessen ungeachtet wird Invasion der Zukunft – Die Welten der Science-Fiction seinem Selbstanspruch als umfassendes Überblickswerk zum Thema SF trotz des kompakten Umfangs von gerade einmal 320 Seiten tatsächlich gerecht. Neueinsteigern bietet das Buch angesichts der zahlreichen Themen, Strömungen und Motive im Genre wertvolle Orientierungshilfe, Fortgeschrittene können ihre Kenntnisse vertiefen. Und alten Hasen gibt die Lektüre die Gelegenheit, ihr Wissen aufzufrischen sowie etwaige SF-Bildungslücken endlich zu füllen. Hans-Peter von Peschke ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Buch gelungen. Ein Buch, verfasst in einem sympathisch unaufgeregten Ton, das von der ersten Seite an die große Leidenschaft des Autors für die Science-Fiction zum Ausdruck bringt. Invasion der Zukunft – Die Welten der Science-Fiction ist ein wirklich lesenswertes Buch.


Die Fakten:

Titel: Invasion der Zukunft - Die Welten der Science-Fiction
Autor: Hans-Peter von Peschke
Umfang: 320 Seiten
Format: Broschiert (15 x 22 cm)
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 9783806233575
Preis: € 29,95 (Print), € 23,99 (eBook)


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