Buchbesprechung: «Things to Come · Science · Fiction · Film» (Kerber Verlag)


Von heute an und noch bis zum 23. April 2017 zeigt die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin die Ausstellung Things to Come · Science · Fiction · Film. Pünktlich zur Eröffnung ist beim Kerber Verlag das begleitende Buch erschienen, das weit mehr ist als ein Ausstellungskatalog, sondern ein prächtiger, reich bebilderter Hardcoverband mit 176 Seiten Umfang, der dem Leser einen reflexiven Zugang zum Genre Science-Fiction ermöglicht.

Seit seinen Anfangstagen hat der Science-Fiction-Film das Weltall als schier grenzenlosen Forschungs- und Eroberungsraum für den Menschen präsentiert, gesellschaftliche Zustände sowie die Auswirkungen des technologischen Fortschritts kritisch reflektiert und der tief verwurzelten Angst vor dem Fremden in Form von Alien-Invasionen Ausdruck verliehen. Gleichzeitig haben sich die Filmschaffenden stets modernster technischer Mittel für die Gestaltung fremder Welten oder zukünftiger irdischer Gesellschaften bedient. Und während manche Autoren/Regisseure sich in ihrer Fabulierfreude von den immer neuen Erkenntnissen der Weltraumforschung unbeeindruckt geben, machen andere sie ganz bewusst zur Grundlage ihrer Produktionen. Interessante Wechselwirkungen, denen Kristina Jaspers, Nils Warnecke und Gerlinde Waz in dem von ihnen herausgegebenen Buch nachspüren. Die drei Kuratoren der Deutschen Kinemathek orientieren sich dabei an der Struktur der Ausstellung, die sich in die Abschnitte Der Weltraum, Die Gesellschaft der Zukunft und Der Fremde gliedert, und räumen jedem Teilbereich in etwa den gleichen Raum ein. Jedes Kapitel wird dabei von einer kurzen Einführung eröffnet, an die sich jeweils mehrere Essays und Interviews anschließen. Die Essays wurden sowohl von den Herausgebern selbst als auch von mehr als einem halben Dutzend weiterer Film- und Medienwissenschaftler, darunter Rolf Giesen, Beatrice Behn und Marc Bonner, verfasst; in den Interviews kommen Experten wie der Astronaut Ulrich Walter, der Production Designer Arthur Max (Prometheus, The Martian), der Robotik-Forscher Manfred Hild, der Drehbuchautor Lars Lundström (Real Humans) oder die Kostümbildnerin Monika Bauert (Enemy Mine) zu Wort, gewähren aufgeschlossen Einblick in ihre Arbeit und gehen darüber hinaus der Frage nach, was von dem, das heute noch Science-Fiction ist, in Zukunft tatsächlich Realität werden könnte.

Inspiriert durch zeitgemäße Ausstellungskonzepte, ist die Struktur des Buches weitgehend offen gestaltet. Dem Leser wird zwar eine Reihenfolge angeboten, in der er sich die einzelnen Themenbereiche erschließen kann, gleichzeitig steht es ihm frei, problemlos eigene Schwerpunkte zu setzen und eine persönliche Marschroute zu verfolgen. Doch ganz gleich, welchen Weg er einschlägt, stets sind eine große Zahl von teilweise seltenen Abbildungen sein Begleiter. Mit 205 farbigen und 15 schwarzweißen Fotos und Zeichnungen ist Things to Come · Science · Fiction · Film illustriert, wobei nicht allein die Menge und die getroffene Auswahl Lob verdienen, sondern auch die Platzierung innerhalb der Texte: Die Wechselwirkung zwischen Science Fact und Science-Fiction dokumentierend, sind beispielsweise ein Foto von Matt Damons Raumanzug aus The Martian und eines, das Dava Newman in dem von ihr entwickelten BioSuit zeigt, in unmittelbarer Nähe zu einander angeordnet, so dass der Leser sich auch unabhängig vom begleitenden Text selbst ein Bild davon machen kann, wie aktuelle technische Entwicklungen vom SF-Film aufgegriffen werden. Und eine Gegenüberstellung einer Aufnahme von Ulrich Walter im SpaceLab mit einem Szenenfoto aus Gravity macht deutlich, wie viel Wert die Filmemacher auf eine realistische Darstellung der Schwerelosigkeit an Bord einer Raumstation gelegt haben. Die Essays ihrerseits zeugen von der großen Fachkunde der Verfasser, die in ihren Texten einen eher nüchtern-sachlichen, mitunter auch wissenschaftlichen Sprachstil pflegen, der einen auch ohne den Blick ins mit Kurzbiographien ausgestatteten Autorenverzeichnis den beruflichen Background der Beteiligten erahnen lässt. Einer unterhaltsamen Lektüre steht der Duktus aber zu keiner Zeit im Wege, sondern regt im Gegenteil zu einer näheren Beschäftigung mit den behandelten Themen an, die eine große Bandbreite aufweisen, reichen sie doch vom kinematographischen Raumschiffdesign im Wandel Zeit über die Gestaltung von Zukunftsstädten bis hin zur Faszination, die von der Möglichkeit außerirdischen Lebens ausgeht. Dabei wahren die Autoren zwar durchweg eine kritische Distanz zum Science-Fiction-Film, lassen aber nie einen Zweifel daran aufkommen, dass er für sie eine legitime Form der Auseinandersetzung mit der Frage darstellt, was in Zukunft so alles auf die Menschheit zukommen könnte. Abgerundet wird Things to Come · Science · Fiction · Film durch einen Anhang, der die Exponate der gleichnamigen Ausstellung bebildert und nach Filmen sortiert auflistet.


Entlang der großen Themen der Science-Fiction, Der Weltraum, Die Gesellschaft der Zukunft und Der Fremde, macht Things to Come · Science · Fiction · Film auf anschauliche, informative und kurzweilige Art deutlich, wie der SF-Film über die Jahrzehnte Strömungen aufgegriffen und damit unser Bild von und die Erwartungen des Publikums an eine möglichen Zukunft geprägt hat. Er spiegelt die Hoffnungen der Zuschauer auf ein Utopia genauso, wie er in Dystopien der Furcht vor totalitären Zuständen oder der Zerstörung der Erde durch Krieg, Profitgier und Umweltkatastrophen Ausdruck verleiht. Er zelebriert den technischen Fortschritt als einen Weg zu den Sternen, um gleich darauf vor den Auswirkungen einer Technologie zu warnen, die dem Menschen über den Kopf wächst und von ihm nicht mehr länger kontrollierbar ist. Diese Ambivalenz unter ständiger Rückkopplung an den jeweiligen Zeitgeist ist es, die den ungebrochenen Reiz sowie den hohen Stellenwert des Science-Fiction-Films ausmacht. Und in Things to Come · Science · Fiction · Film erfährt er dafür jene Würdigung, die ihm in Deutschland insbesondere von der Filmwissenschaft und dem Feuilleton viel zu lange versagt wurde. Ein absolut lesenswertes Buch.


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Die Fakten:

Titel: Things to Come · Science · Fiction · Film
Herausgegeben von: Kristina Jaspers, Nils Warnecke und Gerlinde Waz
mit Beiträgen von: K. Jaspers, N. Warnecke, G. Waz, Rolf Giesen, Beatrice Behn, Marc Bonner u.a.
Umfang: 176 Seiten
Format: Hardcover, gebunden (25 x 29 cm)
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-7356-0217-6
Preis: € 40,00


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