Hörspielrezension: «Stummer Wächter» (Ohrenkneifer)


Bekanntlich liegt nur ein schmaler Grad zwischen Genie und Wahnsinn. Hält man sich dies vor Augen, dann erscheint die Vorstellung gar nicht mal so abwegig, geschlossene Anstalten könnten mitunter Menschen beherbergen, die gar nicht geisteskrank sind, sondern vielmehr über eine falsch gedeutete besondere Begabung verfügen. Franjo Franjkovic hat diesen Gedanken in seinem Mystery-Thriller Stummer Wächter verarbeitet, der vom Label Ohrenkneifer am 4. März 2016 auf CD und als Download veröffentlicht wurde. Die Spielzeit des Hörspiels beträgt ca. 72 Minuten.

Max Blanke ist Patient in der Taunusklinik. Sein Profil: Autoaggressiv, Paranoid,Schizophren. Der Oberarzt Dr. Vosshagen hat ihn bereits als nicht behandelbar abgeschrieben, denn trotz allabendlicher Fixierung an seinem Bett wacht Max jeden Morgen mit einer anderen Verletzung auf: Schnitte, Schürfwunden, Blutergüsse. Um sich und seine Umgebung nicht weiter zu gefährden, wird Max mit Medikamenten ruhiggestellt. Es scheint aber mehr hinter Blankes Fall zu stecken, als es zunächst den Anschein hat.Die Polizei verdächtigt Max, den Flughafen im Alleingang lahmgelegt zu haben. Mehrere Zeugen und das Foto einer Überwachungskamera stützen die Vorwürfe. Aber die Überwachungsvideos der Klinik belegen, dass Max sein Zimmer die ganze Nacht nicht verlassen hat...

Stummer Wächter ist eine Koproduktion von Detlef Tams und Dirk Hardegen; ein Novum in der Geschichte dieses Labels, das sich im Gegensatz zu vielen anderen Mitbewerbern nicht Serien verschrieben hat, sondern der Produktion von Einzelhörspielen. Tams hat zudem die Hauptrolle des Max Blanke übernommen, Hardegen spielt den Polizisten Engler, der Blanke auf der Spur ist. Desweiteren sind Gordon Piedesack (als Dr. Vosshagen), Katja Pilaski (Dr. Lichte), Tom Steinbrecher (Pfleger Holger), Horst Kurth (Pfleger Roland) sowie Patrick Steiner (Kommissar Winkler) zu hören, und alle Figuren sind bei ihren jeweiligen Sprecherinnen und Sprechern bestens aufgehoben. Souverän und sehr lebendig spielen sich alle Beteiligten durch die Handlung; vereinzeltes Overacting ist dabei mehr dem Dialogbuch geschuldet als der Regie von Detlef Tams, der sich der Aufgabe absolut gewachsen zeigt, den Cast effektiv anzuleiten. Interessant ist die Idee, Erzähler Robert Missler über die Geschehnisse im Präsenz anstatt rückblickend berichten zu lassen. Dies verleiht der Story noch zusätzliche Dynamik. Nicht, dass das Hörspiel einen zusätzlichen Adrenalinschub nötig hätte, denn es gibt genug temporeiche Szenen, die in einem schön austarierten Verhältnis zu ruhigeren Momenten stehen, in denen das Seelenleben des Protagonisten ausgeleuchtet wird. Max Blanke mag mit "Ich war zur Tatzeit im wahrsten Sinne des Wortes ans Bett gefesselt und im Zimmer eines Irrenhaus eingeschlossen" nach "Ich saß zur Tatzeit im Gefängnis" wohl das zweitbeste Alibi der Welt besitzen, doch ist er Geriebener eines Schicksals, dem er scheinbar nicht entkommen kann: Bei Nacht ein Held, ist er bei Tag Opfer des Arztes Vosshagen. Ein möglicher Ausweg eröffnet sich Blanke mit der Ankunft der neuen Ärztin Dr. Lichte, doch diese muss zunächst gegen eine Mauer des Schweigens ankämpfen. In Franjkovics Geschichte trifft Vielschichtigkeit auf einen stringenten Spannungsbogen, der in ein rasantes Finale mündet, welches durchaus Möglichkeiten für weitere Erzählungen über Max Blanke bietet. Wollte man an dem insgesamt überaus spannenden und kurzweiligen Plot etwas bemängeln, dann wäre es vielleicht der Umstand, dass der Erzähler eine Spur zu oft und in Szenen bemüht wird, in denen er eigentlich nicht unbedingt notwendig ist. Am Charakter von Stummer Wächter als reinrassigem Hörspiel ändert dies aber nichts.

Dirk Hardegens Klangraum für diesen Mystery-Thriller ist detailreich, überfrachtet die Szenen dabei aber nie. Der Soundtrack hält sich gelegentlich zurück, wirkt in anderen Szenen dafür umso antreibender. Und wenn die Zwischenmusik einmal sogar als Song aus Englers Autoradio weiterläuft, wird sie gewissermaßen zum Teil der Handlung. Wie man es von den bisherigen Ohrenkneifer-Produktionen kennt, so ist auch bei Stummer Wächter deutlich hörbar, mit welcher Liebe und Sorgfalt zu Werke gegangen wurde. Die Grafik und das Artwork für dieses Hörspiel stammen von Wolfram Damerius, das stimmungsvolle Cover zeigt Max Blanke auf einem seiner nächtlichen Ausflüge. Das gleiche Motiv hat man zudem auf den Tonträger selbst gedruckt. Leider bleibt die Optik der einzige Lichtblick des Booklets, das von seinem Informationsgehalt her mehr wie eine lästige Pflichterfüllung wirkt. Auf einer der vier Seiten (inkl. Cover) werden artig alle Sprecher aufgelistet, eine macht Werbung für die anderen Hörspiele vom Ohrenkneifer, eine ist bis auf das Logo des Hörspiels sowie des Labels textfrei und wiederholt das Foto des Backcovers. Das ist mager, zumal auch das exklusiv der CD vorbehaltene Making Of mit nicht einmal vier Minuten alles andere als üppig ausfällt. Zwar sind die grafische Gestaltung des Gesamtpakets und das Bonusmaterial weiterhin ein gutes Argument, sich die CD und nicht den Download zu kaufen. Aber wäre mit einem informativeren Booklet sowie einem ausführlicheren Blick hinter die Kulissen deutlich stärker.


Produktionen abseits des Mainstreams sind das Metier des Labels Ohrenkneifer, das erneut bei der Auswahl des Stoffes ein glückliches Händchen hatte und sich bei dessen Vertonung mächtig ins Zeug gelegt hat. Franjkovics Geschichte ist clever, temporeich und emotional zugleich; ihre Umsetzung punktet durch eine gut aufgelegte Sprecherriege, die plastische Soundkulisse, eine besondere musikalische Note und eine stimmige Abmischung. Max Blanke mag ein Stummer Wächter sein, doch dieses Hörspiel hat viel zu sagen. Zum Hinhören absolut empfohlen.


Stummer Wächter ist eine Produktion des Labels Ohrenkneifer. Das Hörspiel ist am 4. März 2016 auf CD und als Download erschienen.




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