Verteidiger eines gespaltenen Landes: Marvel bringt Steve Rogers als Captain America zurück


Für Jahre kursierte unter den amerikanischen Comicsfans der Satz: "The only people who stay dead in comics are Bucky, Jason Todd, and Uncle Ben". Seit Marvel und DC dann doch der Versuchung nicht widerstehen konnten, die beiden Erstgenannten ins Leben zurückzuholen, lässt sich das Sprichwort auf die griffigere Formel "The only character who stays dead in comics is Uncle Ben" reduzieren. Auch Steve Rogers, der frühere und bald erneute Captain America, war schon einmal tot. Jedenfalls irgendwie. Und irgendwie dann doch nicht. Egal, längere Geschichte. Zuletzt war Steve ein sehr rüstiger 90-Jähriger, nachdem das Superhelden-Serum, dem er über Jahrzehnte seine Stärke verdankte, bei einer Mission aus seinem Metabolismus entfernt wurde. Als Kämpfer für Freiheit und den amerikanischen Weg taugte er in diesem Zustand natürlich nicht mehr, weshalb er Ende 2014 seinen Job samt dem berühmten Schild an einen langjährigen Freund und Kampfgefährten weitergab: an den Afroamerikaner Sam Wilson, bis dahin bekannt als The Falcon. Marvel Comics feierte dieses Ereignis als Beitrag zur Diversität innerhalb der Superheldengilde, und die Mainstream-Medien feierten mit. Und natürlich auch die afroamerikanische Gemeinde in den USA, was man ihr keineswegs verdenken kann. Nach etwas mehr als einem Jahr leitet Marvel pünktlich zum 75. Geburtstag des Captains nun demnächst die partielle Wende ein: Steve Rogers ist wieder Captain America. Einer von zwei Captains America. Oder sollte man besser sagen: Einer von zwei Captain Americas?

Wenngleich sich der Superhelden-Fan gerne aufgeschlossen gibt, so ist er in seinem Kern ein zutiefst konservatives Wesen, das sich nur in einer Zone des Gewohnten und Beständigen richtig wohl fühlt. Die Verlage wissen und nutzen dies, indem sie zwar immer wieder den Status quo der Figuren ändern, um das Interesse der Leserschaft am Schicksal der Helden beiderlei Geschlechts hoch zu halten, um dann in einer Kreisbewegung rechtzeitig zum Status quo ante zurückzukehren, ehe das Unbehagen über den Verlust der Comfort Zone auf Seiten der Käufer zu groß wird und sie sich von einer Serie abwenden. Jede einschneidende Veränderung der Staus Quo bzw. dessen Wiederhestellung begleiten die Verlage inzwischen mit dem Restart der jeweiligen Serie in dem Bewusstsein, dass es immer das Heft mit der Nummer 1 ist, das für die höchsten Verkaufszahlen sorgt. Die Branche befindet sich nicht zuletzt deshalb im permanenten Event-Modus. Für alle, die mit dieser Mechanik vertraut sind, war es daher nur eine Frage der Zeit, bis Steve Rogers wieder Captain America sein würde. Denn wie gesagt: No one stays dead in comics except Uncle Ben.

Würde sich die amerikanische Gesellschaft in einer Phase des entspannten Umgangs mit dem Thema Diversität befinden, wäre Rogers' Rückkehr in den alten Job keine große Sache. Er würde - nun wieder zu alten Kräften gekommen - ihn sich einfach von Sam Wilson zurückgeben lassen. So wie er sich seinerzeit Titel und Kostüm von einem gewissen John Walker wiedergeholt hatte. Oder von Bucky Barnes. Doch in dieser Phase befinden sich die USA eben nicht. Diversität ist ein extrem aufgeladenes Thema, bei dem sich das progressive und das konservative Amerika unversöhnlich gegenüberstehen. Selbst wenn Marvel gewollt hätte: Eine Re-Etablierung von Steve Rogers als Captain America auf Kosten von Sam Wilson ist in diesem gesellschaftlichen Klima einfach nicht durchsetzbar, ohne sich der Gefahr des Vorwurfs des Reaktionismus oder gar des Rassismus auszusetzen. Vor diesem Hintergrund blieb dem Verlag gar keine andere Wahl, als sich für ein Nebeneinander der beiden Superhelden zu entscheiden.

An dem Schritt, Steve Rogers als Captain America noch in diesem Jahr zurückzubringen, führte hingegen für Marvel ökonomisch kein Weg vorbei, denn die Abwärtsspirale der Verkaufszahlen der CA-Comics verlangten nach einer schnellen Wiederherstellung der Comfort Zone. Lag die Auflage von All New Captain America #1, in der Wilson seinen Einstand gab, noch bei ca. 121.000 Exemplaren, so wurden von Heft #4 im Februar 2015 nur noch um die 41.000 Hefte ausgeliefert. Von All New Captain America Special #1, dem Abschluss des ersten Runs im Mai, orderten die Händler lediglich 29.000 Stück. Wie üblich sorgte der Relaunch für einen Anstieg der Auflage, denn von Captain America: Sam Wilson #1 wurden im Oktober 2015 62.000 Hefte von den Comic Shops nachgefragt. Doch schon im Dezember lag die Auflage von Ausgabe #4 wieder bei nur noch ca. 30.000 Stück. Auch der Blick auf die Position des Titels in den Verkaufscharts ist ernüchternd: Erreichte All New Captain America #1 einen hervorragenden Platz 2, so ging es von da an fast ungebremst bergab (Platz 25, 16, 41, 46 und 67 für die Ausgaben #2 bis #6; Platz 77 für das Special). Captain America: Sam Wilson #1 stieg mit Platz 31 ein, die Ausgaben #2 bis #4 belegten die Plätze 52, 78 und 89. Mit der Rückkehr des ursprünglichen Star-Spangled Avengers folgt Marvel also den Gesetzmäßigkeiten des Comicmarktes, verknüpft mit der Hoffnung, die traditionellen Anhänger der Figur wieder versöhnlich zu stimmen und zurückzugewinnen. Helfen soll dabei, dass man die neue Serie Captain America: Steve Rogers an klassischen Mustern ausrichtet und den Rückkehrer sogleich in den Kampf gegen einen altbekannten, jedoch nun noch gefährlicheren Feind schickt: die Geheimorganisation Hydra. Parallel dazu will man der Ausrichtung von Captain America: Sam Wilson vorerst festhalten. Die gesellschaftskritischen Töne, die bei Wilsons Abenteuern mitschwingen, bleiben der Leserschaft also erhalten. Mit Nick Spender werden die demnächst zwei Cap-Serien übrigens den gleichen Autor haben.


Ab kommenden Sommer können die Comicfans es sich also aussuchen, welchem Captain America sie folgen wollen. Es liegt sicherlich im Auge des Betrachters, ob man in dem Wilson-Rogers-Dualismus nun so etwas wie gelebte Diversität sehen möchte, oder aber schlicht Marvels Versuch, die Notbremse zu ziehen und pünktlich zum Jubiläum bei den konservativeren Cap-Lesern verlorenes Terrain gutzumachen. Objektiv betrachtet ist es Marvel zwar erfolgreich gelungen, mit dem afroamerikanischen Captain America ein Ausrufezeichen zu setzen – es in ein anhaltend großes Interesse an der Figur zu verwandeln, gelang dem Verlag hingegen nicht. Ob der Alte Besen tatsächlich besser als der neue kehrt, werden die Verkaufszahlen offenbaren. E pluribus unum lautet der Wappenspruch der USA. Für ihren stärksten Verteidiger gilt nun hingegen: Aus eins mach zwei, zwei Captain Americas.


0 Kommentare: