To Boldly Go: Neue «Star Trek»-Serie ab 2017 - Programmierter Erfolg oder sicherer Flop?


In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre reifte in der Chefetage von Paramount der Plan, ein eigenes Network zu gründen, das ABC, CBS und NBC Konkurrenz machen sollte. Und das Flaggschiff des neuen Programms sollte eine Star Trek-Serie sein – eine neue Fünf-Jahres-Mission mit der Originalcrew (abzüglich Leonard Nimoy, der nicht mehr Spock spielen wollte). Das Vorhaben zerschlug sich, doch das Skript des Pilotfilms In Thy Image von Star Trek Phase II bildete den Ausgangspunkt für das Drehbuch des ersten Star Trek-Kinofilms. Knapp zwei Jahrzehnte später gab es mit UPN dieses Paramount-Network dann tatsächlich. Auch die Idee, eine Star Trek-Serie zum Aushängeschild zu machen, wurde mit Star Trek: Voyager Realität. Inzwischen schreiben wir den November 2015, und Anfang des Monats wurde bekannt, dass Star Trek im Januar 2017 nach zwölfjähriger Abstinenz auf die Fernsehschirme zurückkehren wird. Und wie schon in den 1970ern angedacht und in den 1990ern praktiziert, soll auch die neue Serie wieder ein Leuchtturm-Projekt werden – dieses Mal für die Plattform CBS All Access. Ein Konzept, dass für das Network durchaus Sinn macht, für die Produzenten Vorteile hat, jedoch auch nicht ohne gewisse Risiken ist.

CBS All Access ist ein VoD- und Streamingdienst. Amerikanische Zuschauer können Folgen zahlreicher älterer oder neuer CBS-Serien abrufen und das Programm örtlicher Stationen des Senders streamen. Was man im Gegensatz zu Netflix oder Amazon Instant Video nicht zu bieten hat, sind Inhalte, der originär für die Plattform produziert wird. Ein Zustand, der sich durch eben jene neue ST-Serie ändern soll. Eine Preview wird CBS im TV ausstrahlen, der Pilotfilm sowie die übrigen Folgen der ersten Staffel werden bei CBS All Access ihre Premiere erleben. Ob sie später auch ihren Weg ins reguläre Fernsehen finden, ist derzeit noch unklar. Die weltweite Vermarktung der Serie außerhalb der USA übernimmt CBS Studios International. Von konventionellen TV-Sendern bis hin zu digitalen Anbietern will man alles beliefern.

CBS ist sich bewusst, dass Material aus der Konserve auf Dauer nicht ausreicht, wenn man gegen die Konkurrenz bestehen und Kunden einen Anreiz bieten will, CBS All Access zu abonnieren. Das schafft man nur durch Original Content. Vor diesem Hintergrund ist die neue Star Trek-Serie sicherlich das optimale Vehikel, um den Dienst zu pushen. Da wäre zum einen die riesige Fanbase, über die das Franchise ohnehin verfügt, und zum anderen feiert es 2016 seinen 50. Geburtstag. Ein Anlass, der mit dem Film Star Trek Beyond begangen und sicherlich dafür sorgen wird, die Marke auch beim allgemeinen Publikum wieder zum Thema zu machen. So viel Aufmerksamkeit für Star Trek wird es so schnell wieder geben, weshalb CBS gut beraten ist, dieses Momentum für sich auszunutzen. Hinzu kommt, dass die Kern-Zielgruppe, die Trekkies, in der Mehrheit sehr Technik-affin sind. Die Verfügbarkeit der Serie exklusiv via Stream, stellt für sie daher keinerlei Hemmschwelle dar. Im Gegenteil: Streaming ist die modernste Form des Broadcasting, da ist es nur logisch, dass eine in der Zukunft spielende Serie diesen Weg für sich nutzt. Insgesamt ist ein berühmtes Franchise wie Star Trek, das seit über 10 Jahren nicht mehr im TV präsent war, dessen Rückkehr aber immer wieder gefordert wurde, genau das, nach dem CBS für den ersten originären Stoff seines digitalen Ablegers gesucht hat.

Für das produzierende Unternehmen CBS Television Studios löst die Entscheidung zugunsten von CBS All Access mehrere Probleme. Beispielsweise ist dadurch die Frage nach der Heimat der neuen Star Trek-Serie bereits zu diesem frühen Zeitpunkt geklärt. Der Herausforderung, sich mit einem Pilotfilm um einen der freien Programmplätze bei einem der Networks bewerben zu müssen, braucht man sich gar nicht erst zu stellen. Außerdem verschafft Streaming den Produzenten etwas Luft, denn es entzieht die Serie den Blicken der Quoten-Adler, die sich unbarmherzig auf die Ratings stürzen, sie minutiös analysieren, um dann die Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. Abgesehen vom Piloten wird es keine Ratings für die neue Star Trek-Serie geben, und damit auch nicht den Zwang, von der ersten Folge an tolle Zahlen liefern zu müssen, um nicht direkt Spekulationen darüber auszulösen, ob die erste Staffel zugleich die letzte sein könnte. Selbstredend wird CBS sich die Abrufzahlen der Folgen genau ansehen, um den Erfolg zu prüfen; doch mit dem allwöchentlichen Quotenkrieg hat man nichts zu tun. Und dies kann für die Serie, die sicherlich Zeit brauchen wird, um sich zu entwickeln, nur von Vorteil sein. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass CBS seinen ersten Original Content für All Access nach einer Season cancelt, relativ gering, denn das würde einen gewaltigen Gesichtsverlust bedeuten. Dies alles sind durchaus gute Vorzeichen.

Ob Teile des Publikums wirklich bereit sind, CBS All Access zu abonnieren, nur um neue Star Trek-Abenteuer sehen zu können, ist natürlich die große Unbekannte in der Gleichung. Die Serie bei Netflix zu platzieren, um ein Streaming-Publikum zu erreichen, wäre durchaus der leichtere und vielleicht auch naheliegendere Weg gewesen, wenn man die große Reichweite des Wettbewerbers bedenkt. Und angeblich hatte der Anbieter über längere Zeit sogar Interesse daran, originären ST-Content zu bringen. Aber CBS will lieber sein Eigengewächs stärken. Das ist legitim, aber eben auch riskant.

Was die inhaltliche Ausrichtung angeht, so gibt es derzeit kaum Informationen. Fest steht, dass man sich Alex Kurtzman, der als Autor und/oder Produzent an Star Trek und Star Trek into Darkness beteiligt war, als ausführenden Produzenten ins Boot geholt hat. Einen Mann mit ST-Erfahrung also, der sich zudem im Seriengeschäft auskennt, gehört er doch zu den Produzenten von Scorpion oder Hawaii 5-0. In der Presseerklärung spricht CBS davon, die Serie werde von neuen Charakteren handeln, was man als Indiz dafür sehen kann, dass weder TOS ein weiteres Reboot erleben, noch eine der späteren Serien neu aufgelegt wird. Eine Serie, die in der Ära von Kirk, Spock und Co angesiedelt ist und in der die Crew eines Schwesterschiffs der Enterprise auf Forschungsreise geht, wäre durchaus denkbar. Mehr erzählerischen Freiraum hätte sogar noch eine Serie, die einige hundert Jahre nach der TOS-Epoche spielt. Denn diese Phase wurde noch in keinem Film und keiner Serie behandelt. Man könnte einen neuen Status Quo etablieren, was die Serie für Trekkies und neue Zuschauer reizvoll machen und letzteren den Einstieg erleichtern würde. Unabhängig davon, für welches Jahrhundert sich die Macher entscheiden, sie dürfen nicht aus dem Blick verlieren, dass sich das Erzählen in Serie in den letzten Jahren maßgeblich weiterentwickelt hat. Storys im Stile von "Der Planet der Woche" und Figuren ohne Weiterentwicklung sind passé. Erwartet werden ein die Folgen durchziehender roter Faden und komplexe Charaktere, die ihre individuellen Schwächen und Probleme haben. Während ersteres im Kontext einer ST-Serie vergleichsweise einfach umsetzbar ist, stellt letzteres eine echte Prüfung für die Autoren dar. Denn die Philosophie von Star Trek geht von einer Menschheit aus, die sich weiterentwickelt und viele negative Eigenschaften hinter sich gelassen hat. Einen drogensüchtigen Lieutenant oder einen rassistischen Captain kann es deshalb bei Star Trek eigentlich nicht geben. Wobei das Zauberwort wahrscheinlich "eigentlich" lautet, denn schon früher waren nicht alle Mitglieder der Föderation Nice Guys. Die Autoren haben in dieser Hinsicht also etwas Spielraum. Damit die Serie ein Erfolg wird, muss sie aber nicht nur zeitgemäße Charaktere und moderne Erzählweise bieten, sondern auch das Versprechen einlösen, in den Folgen würden gesellschaftliche Themen und Gegenwart angesprochen und reflektiert. Und dies im Kontext einer erstrebenswerten Zukunft, in der die Menschheit sich zu den Sternen aufgemacht hat, um die Wunder des Kosmos zu erforschen. Der verheißungsvolle Blick auf die Zukunft ist der Kern von Star Trek – opfert man ihn, um sich dem aktuellen Trend des Dystopischen zu beugen, nimmt man Star Trek seine Seele und der neuen Serie ihre Existenzberechtigung. Denn nur ein Star Trek, das sich in seinem Wesen treu bleibt, macht einen Unterschied zum Rest der SF und verkörpert jenes positive Denken, das viele Fans des Genres heutzutage so schmerzhaft vermissen. Egal, was die Macher sonst so verändern, an diesem Grundprinzip müssen sie also auf jeden Fall festhalten, wenn sie nicht gnadenlos untergehen wollen. Dass gute Effekte und eine ordentliche Dosis Action mit den Mix gehören, versteht sich von selbst.

Bis die neue Serie startet, dauert es noch über ein Jahr. Doch schon jetzt ist klar, dass die Erwartungshaltung der Fans und Kritiker sehr hoch sein wird. Und bestimmt wird man manche nicht überzeugen können, ganz gleich, wie die Serie inhaltlich und optisch gestaltet sein wird. Zum jetzigen Zeitpunkt jedoch sollte man sich die Philosophie von Star Trek zu eigen machen und der Serien-Zukunft des Franchises erst einmal optimistisch entgegensehen. Star Trek hat mehr als einmal Fernsehgeschichte geschrieben, warum sollte dies nicht noch ein weiteres Mal gelingen?

Kommentare:

  1. Ich sehe das ganz genauso. Der Erfolg einer neuen Serie hängt vom Mut der Produzenten und Drehbuchschreiber ab, moderne Geschichten mit rotem Fäden und komplexen Charakteren, die sich weiterentwickeln, zu erzählen. Man sollte einfach spüren, dass die Macher von Anfang an ein klares Konzept mit einer (nicht sofort vorhersehbaren) Geschichte erzählen wollen. Ein meiner Meinung nach wichtiger Faktor ist auch der Bereitschaft, den "Status quo" immer mal wieder zu verändern, wenn es die Storyline und die Charakterentwicklung erfordert. Das erhöht zum einen die Glaubwürdigkeit und macht die Serie überraschend und spannend. Zuschauer lieben "Was zum Teufel..."- Effekte, wenn sie einen klaren Sinn ergeben und nicht reiner Selbstzweck sind. Und auch schwierige Charaktere mit Ecken und Kanten widersprechen nicht Gene Roddenberrys Vision, wenn sie im positiven Sinne menschlich bleiben (was ja bei ST grundsätzlich auch auf Aliens besonders zutreffen kann), sondern lassen uns umso mehr mit dem Charakter mitfiebern.

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  2. Ach, und noch eine Ergänzung: Zu viel Experimentierfreude wäre dann auch wieder für Star Trek des Guten zu viel. So wäre natürlich eine zu negative pessimistische Grundstimmung wie bei SG-Universe genauso falsch wie zu hektische und audiovisuelle Avantgarde-Kamerafahrten, wie sie sich manchmal bei BGG finden. Anderes Beispiel: Etwas weniger antiseptisch reines Weltraumfeeling fände ich gut, zu viel Blut, Schweiß und Dreck im Sinne eines "The Walking Dead" im Weltraum, wäre dann nicht mehr Star Trek.

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  3. Vielen Dank für Deine Kommentare, thatmountain. Das Erfolgsrezept dürfte in der Tat eine ausgewogene Mischung aus neuen und klassischen Elementen sein.

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  4. Dann mal Euer Wort in die Ohren der Mächtigen ... Star Trek war auch nie reine high octane action, und genau dazu scheint sich der neue Kinofilm zu entwickeln. Warum, frage ich als advocatus d., sollten die Entscheider also nicht auch die "positive Zukunft" dem Wunsch nach Geldverdienen (=Mainstreamappeal) opfern?

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