Filmkritik: «Der Marsianer - Rettet Mark Watney» (ab dem 9. Oktober 2015 im Kino)


In Mark Watneys Haut möchte man wahrlich nicht stecken. Zwar hat er die Reise durchs All gut überstanden und auch bei seiner Forschungsarbeit auf dem Mars lief bislang alles glatt. Doch dann erzwingt ein gewaltiger Sturm den vorzeitigen Abbruch der Mission Ares III. Watney wird von einem Trümmerteil getroffen und in der Annahme, ihr Kamerad sei tot, tritt der Rest der Crew die Heimreise zur Erde an. Aber Watney hat überlebt und ist nun mutterseelenallein auf dem nicht gerade lebensfreundlichen Planeten. Nur wenige Lebensmittel bleiben ihm, der Kontakt zur NASA ist abgerissen. Zu resignieren und den nahenden Tod als unausweichlich zu akzeptieren wäre eine durchaus nachvollziehbare Haltung. Doch Watney tickt anders, stemmt sich gegen sein Schicksal und schafft es tatsächlich, die Leute in der Heimat wissen zu lassen, dass es ihn noch gibt. Dort entschließt man sich, dass Unmögliche doch möglich zu machen und Mark Watney zu retten.

Basierend auf dem Roman von Andy Weir erzählt Altmeister Ridley Scott - von den Fans verehrt für Alien und Blade Runner, von ihnen heftig kritisiert für Prometheus – eine Robinsonade im modernen Gewand. Der Marsianer – Rettet Mark Watney (org.: The Martian) ist ein positiver idealistischer Film, denn Watneys Optimismus, sein Lebenswille und seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse sind die treibenden Kräfte der Handlung. Und zugleich liest sich der Streifen als ein Plädoyer für die Erforschung des Weltraums als eine Aufgabe für die gesamte Menschheit; eine Chance zur Kooperation über alle ideologischen Gräben hinweg. Doch blauäugig ist der Plot nicht, denn er schildert die von NASA-Verantwortlichen initiierte Rettungsaktion nicht zuletzt als das Ergebnis knallharten Abwägens, bei dem das Image der Raumfahrtagentur in der Öffentlichkeit und die Finanzierung weiterer Missionen eine Rolle spielen. Der Film vermeidet jeglichen Hurra-Patriotismus und singt nicht das Hohelied auf die technologische Überlegenheit der US of A, sondern konzentriert sich stattdessen auf die Charaktere. Primär natürlich auf Mark Watney, den das Skript als einen bodenständigen Mann etabliert, dem auch gerade dann, wenn er Rückschläge verkraften muss, sein Sinn für Humor und Selbstironie nicht abhanden kommt. Watney ist weder Superheld noch Nerd, sondern der sympathische Typ von Nebenan, mit dem man abends in lockerer Runde ohne weiteres gerne mal ein paar Bier trinken möchte. Matt Damon ist deshalb quasi die Idealbesetzung, denn er ist nicht auf strahlend-coole Helden abonniert und hat sich trotz seiner inzwischen 45 Jahre einen bübischen Charme bewahrt, den er nun in die Interpretation der Hauptfigur einbringt, die einem dadurch vom Fleck weg ans Herz wächst und an deren Schicksal man als Zuschauer gerne Anteil nimmt. Der Film gibt Jeff Daniels, der den NASA-Direktor Teddy Sanders spielt, die Gelegenheit, in einer ernsthaften Rolle zu glänzen; Jessica Chastain verkörpert als Befehlshaberin der Ares 3-Mission nach Interstellar erneut eine starke Frauenrolle in einem hochkarätigen SF-Film; Sean Bean wird es mit Erleichterung aufgenommen haben, mit dem Flight Controller Mitch Henderson jemanden darstellen zu dürfen, der sogar das Ende des Films erlebt; und Kate Mara macht ihre Performance in dem diesjährigen cineastischen Komplettausfall Fantastic Four gleich wieder vergessen. Kristen Wiig hat als Pressesprecherin der NASA zwar fast nicht zu tun, kann aber immerhin von sich behaupten, in dem Film dabei gewesen zu sein.

Den Mars doubelte das jordanische Wadi Rum, das seit 2011 zum UNESCO Welterbe gehört. Mit seinen rötlich gefärbten Felswänden und ausgedehnten Wüstengebieten war es mit Sicherheit ein idealer Ort, um dort Watneys Abenteuer auf dem Mars in Szene zu setzen. Und Ridley Scott lässt die Gelegenheit nicht ungenutzt, die eindrucksvolle Landschaft in ihrer Majestät einzufangen. Die übrigen Aufnahmen fanden in Budapest statt, wo in den Korda Studios 20 Sets errichtet wurden. Seien es das Innere der Mars-Station, die Flugkontrolle im Johnson Space Center oder die Gänge und Module der Hermes, mit der die Crew der Ares 3-Mission unterwegs ist: die ungarischen Setdesigner haben sich richtig ins Zeug gelegt und ihre professionelle Arbeit ist so auch auf der Leinwand sichtbar. Schließlich sorgen außerdem die Special Effects und ein 3D, das sich in den Dienst der Story stellt und kein unerwünschtes Eigenleben entwickelt, dafür, Der Marsianer optisch zu einem Leckerbissen zu machen.


In der jüngsten Ausgabe der Welt am Sonntag schrieb Jan Küveler, Der Marsianer sei im Grunde eine Kreuzung aus Gravity und Robinson Crusoe. Nur käme der Film ohne Sandra Bullock in Unterhosen und Piraten aus. In der Tat gibt es in dem Streifen keinen klassischen Bösewicht, denn der Mars reicht mit seiner Atmosphäre, die zu über 95 Prozent aus Kohlenstoffdioxid besteht, als lebensbedrohende Herausforderung auch völlig aus, weshalb Matt Damon gut daran tut, seinen Raumanzug die meiste Zeit anzubehalten. Doch der Film erklärt den Planeten trozdem nicht zum Feind, sondern zu einem Ort, den zu erforschen sich trotz aller Risiken lohnt. Ein klares Bekenntnis zum Sense of Wonder also. Mit Gravity verbindet Der Marsianer, dass beide Filme darauf setzen, möglichst viel Science Fact in eine Science-Fiction-Story einzubringen. Und wie vor zwei Jahren zeigt sich auch nun auch wieder, dass glubschäugige Aliens und Lasergefechte zwar nett, aber absolut nicht notwendig sind, um einen spannenden und stimmungsvollen SF-Film auf die Leinwand zu bringen. Sollte man die Erfolgsformel in einem Satz zusammenfassen, dann wäre es wohl dieser: Real Characters in Real Space. So einfach sie klingt, so selten wird sie im Kino erfolgreich praktiziert. Der Marsianer kann für sich in Anspruch nehmen, sie perfekt umgesetzt zu haben.


Sein intelligenter Plot, glaubwürdige Figuren, die schauspielerischen Leistungen von Matt Damon und Co sowie die Inszenierung von Ridley Scott machen Der Marsianer – Rettet Mark Watney zum Science-Fiction-Highlight im diesjährigen Kinokalender.  Fans des Genres sollten ihn sich daher nicht entgehen lassen.


Der Marsianer - Rettet Mark Watney läuft seit dem 9. Oktober 2015 offiziell in den deutschen Kinos.

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