Filmkritik: «Guardians of the Galaxy» (Marvel Studios, seit 28.8.2014 im Kino)


Bei der Gestaltung seines Cinematic Universe setzte Marvel mit dem Hulk, Captain America, Iron Man und Thor verständlicherweise zunächst auf auf die Schwergewichte in seinem Superhelden-Portfolio. Und wenngleich die Rechnung aufging und nicht zuletzt das Aufeinandertreffen dieser Figuren in Marvel's The Avengers sich zu dem Blockbuster des Kinojahres 2012 entwickelte, war Marvel Studios sich eines Umstands nur zu bewusst: Um langfristig in der Erfolgsspur zu bleiben und Abnutzungserscheinungen zu vermeiden, würde man früher oder später auch auf Charaktere aus der zweiten Reihe zurückgreifen müssen. Für den ersten Anlauf in dieser Hinsicht wählte man mit den Guardians of the Galaxy eine Truppe, die bisher nur eingefleischten Marvel-Fans ein Begriff war. Mit dem gleichnamigen Film, der seit gestern in unseren Kinos läuft, dürfte sich dies drastisch ändern.

Ende der 1980er wird der junge Peter Quill von der Erde entführt. 26 Jahre später ist aus ihm der galaktische Outlaw Star-Lord (Chris Pratt) geworden, der es mit dem grausamen Ronan der Ankläger (Lee Pace) zu tun bekommt, der es auf ein Artefakt abgesehen hat, das Peter erbeuten konnte. Während das Schicksal des Universums auf dem Spiel steht, schließt Quill ein Zweckbündnis mit dem waffenliebenden Waschbär Rocket, dem Baumwesen Groot, der Killerin Gamora (Zoe Saldana) und dem nach Rache sinnenden Drax (Dave Bautista). Um eine Chance gegen Ronan zu haben, muss der Star-Lord aus einer Gruppe von Außenseitern ein schlagkräftiges Team formen. Doch wird ihm das rechtzeitig gelingen, ehe Ronan seinen finsteren Plan in die Tat umsetzen kann?

Sollte man die Herangehensweise von Regisseur und Autor James Gunn an seinen Film mit knappen Worten beschreiben, dann wären wohl diese passend: Stell Dir vor, Du schaust eine Comicverfilmung und merkst es nicht! War schon Marvel's erster Film des Kinojahres 2014, Captain America: The Winter Soldier, zu 50 Prozent ein Polit-Thriller, dann ist Guardians of the Galaxy zu mindestens 80 Prozent reine Space Opera. Zwar bleiben die Guardians im Marvel-Universum eingebettet und mit Thanos gibt es eine direkte Verbindungslinie zu den Avengers, doch ansonsten hat man es mit einem poppigen Weltraumabenteuer zu tun. Die ersten Minuten des Films spielen auf der Erde, doch dann geht es ab ins All, rein ins Vergnügen und Gunn fährt alles auf, was man für eine ordentliche Space Opera braucht: Fremde Welten, jede Menge Aliens, Raumschiffe, fiese Schurken, coole Helden, heiße Action, Dramatik, Humor und Effekte ohne Ende. Es dauert nicht lange, bis sich die Protagonisten über den Weg laufen – bis sie wirklich zueinander finden, vergeht jedoch einige Zeit. Und gerade dies macht den Reiz des Films aus, der von Egoisten erzählt, deren moralische Seite tief verschüttet ist und erst gegen Ende wirklich freigelegt wird.

James Gunn gelingt das Kunststück, einerseits seinem Hang zum ungebremsten Eskapismus zu frönen, darüber aber andererseits nicht den Plot und schon gar nicht die Entwicklung der Charaktere zu vernachlässigen. Zwar räumt er Figuren wie Peter Quill (Star-Lord) und Rocket Raccoon viel Raum ein, doch gewinnt er gleichzeitig auch auf den ersten Blick eindimensionalen Charakteren wie Drax oder Groot Seiten ab, die man so nicht unbedingt erwarten durfte. Und auch Gamora, die einzige Frau im Team, ist alles andere als eine Mitläuferin. Im Gegenteil: Während Black Widow in Avengers gegenüber ihren männlichen Kollegen einen schweren Stand hatte, lässt Gunn Gamora von Beginn an mindestens auf Augenhöhe agieren und eine eigene Agenda verfolgen. Pläne haben natürlich auch Ronan, genannt der Ankläger, der große Widersacher der Guardians und seine Gehilfin Nebula. Beide hat Gunn als klassische Bösewichte angelegt, die einen herrlichen Kontrast zu den Helden wider Willen bilden. Die Handlung selbst ist als atemlose Jagd nach einem mächtigen Artefakt gestaltet, das mehrfach den Besitzer wechselt. Der Plot hält die Akteure ständig in Bewegung und bietet ausreichend Gelegenheit für für gut inszenierte Action, Explosionen, Raumschiffgefechte und handfeste Auseinandersetzungen. Es geht ordentlich ab in Guardians of the Galaxy, doch die Gewalt verlässt nie den Boden der familienfreundlichen Unterhaltung. Das muss sie auch nicht, denn der Film will sein Publikum unterhalten und nicht verstören. Zu diesem Zweck zieht der Regisseur immer wieder gelungen die Humor-Karte und sorgt so bei aller Dramatik für Leichtigkeit, ohne den Film in eine Komödie abdriften zu lassen. Aber zweifellos soll Guardians of the Galaxy in erster Linie Spaß machen – und dies schafft er mühelos über die gesamte Laufzeit von ca. 120 Minuten.

Bei der Betzung der Hauptrollen hatte Marvel eine wirklich glückliche Hand, denn Chris Pratt ist von der ersten Sekunde an ein überzeugender Star-Lord und spielt seine Rolle mit Sensibilität und großer Verschmitztheit. Zoe Saldana fügt nach Avatar und den letzten beiden Star Trek-Filmen nun einen weiteren SF-Blockbuster ihrer Referenzliste hinzu und geht auch dieses Mal in ihrer Rolle auf. Dave Bautista sah man letztes Jahr in Riddick, wo er jedoch nicht über den Status eines Muskelmanns hinauskam. Dieses Mal hat er deutlich mehr schauspielerischen Raum und nutzt diesen auch. Wirklich eine positive Überraschung. Mit Lee Pace wurde ein guter Ronan gefunden und auch Karen Gillian (bekannt aus Doctor Who) weiß zu gefallen, wenngleich sie in ihrem Make-Up kaum wiederzuerkennen ist. In kleinen Rollen sind zudem Glenn Close und Benicio Del Toro zu sehen. Michael Rooker gefällt als Quills Ziehvater Yondu.

Wie eingangs erwähnt, waren die Guardians bisher B-Lister im Marvel-Universum. Marvel Studios hat aber nicht den Fehler gemacht, den Film mit einem Budget der Kategorie B auszustatten, sondern hat satte 170 Mio. Dollar für das Debüt seiner Weltraumhelden freigeschaufelt, was man dem Streifen auch ansieht. Die Charaktere Rocket und Groot sind fantastisch animiert, die fremden Welten detailreich gestaltet und wer auf Gefechte zwischen Raumjägern steht, dem wird in diesem Film sicher das Herz aufgehen. Der 3D-Effekt tut sein übriges, um Guardians of the Galaxy zu einem optischen Leckerbissen zu machen, zu dem der Soundtrack von Tyler Bates akustisch einen gelungenen Beitrag leistet. Mehr als Bates' Musik werden dem Zuschauer aber wohl hingegen die Pop-Songs aus den 1970ern im Gedächtnis bleiben, die James Gunn in seinen Film integriert hat. Eine ungewöhnliche Entscheidung, für die der Film aber eine vernünftige Begründung liefert. Und was das Wichtigste ist: Sie funktionieren und geben dem Streifen ein Flair, mit dem er sich erfolgreich absetzen kann! Der Soundtrack zum Film schaffte es übrigens in den USA auf Platz 1 in den Charts.

Guardians of the Galaxy beweist, dass der Comicriese Marvel für erfolgreiche Filme nicht zwangsläufig auf seine A-Lister angewiesen ist. Dies eröffnet ihm gewaltige Perspektiven für die zahlreichen Projekte, die er in den nächsten Jahren in Angriff nehmen möchte. Dem Kinogänger präsentiert sich Guardians of the Galaxy als eine spannende und ungezwungene Space Opera von hohem Unterhaltungswert, die inhaltlich wie optisch zu punkten versteht. 2017 soll die Fortsetzung in die Kinos kommen. Und man darf sich jetzt schon darauf freuen.


Guardians of the Galaxy läuft seit dem 28. August 2014 in den deutschen Kinos.

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