Rezension: Die letzte Instanz (Live-Hörspiel auf CD & DVD)


Wenngleich sie schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, erfreut sich innerhalb der Science-Fiction gerade in der letzten Zeit die Thematik des Steampunks erneuter Beliebtheit. Geleitet von dem Alternativwelt-Motiv und inspiriert nicht zuletzt durch die Werke Jules Vernes, sind diese Geschichten zumeist im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Es war eine Zeit, in der durch Dampf getriebene Maschinen die Spitze des technologischen Fortschritts repräsentierten und folgerichtig setzen auch die - zumindest für diese Zeit - futuristischen Maschinen, die charakteristisches Element dieser Art von Erzählungen sind, auf Dampf als Antriebskraft. Es ist dieser Umstand und die zudem die Anlehnung an den zuvor entstandenen Begriff des Cyberpunk, dem der Steampunk als Sub-Genre der SF seinen Namen verdankt. Man könnte natürlich auch von Retro-SF sprechen, aber seien wir ehrlich: Steampunk klingt einfach cooler.

Im Steampunk verortet sich auch Die letzte Instanz, ein Live-Hörspiel von Kristina Lohfeldt und Marco Ansing, welches am 10. August 2013 in Hamburg zur Aufführung kam. Wer seinerzeit nicht vor Ort sein konnte oder zu Hause die Geschichte erneut erleben möchte, hat nun dazu die Gelegenheit. Und dies auf gleich zwei Arten.

Die Geschichte von Die letzte Instanz beginnt am frühen Morgen im Jahre 1888 auf dem Fuhlsbüttler Flugplatz. Eine Kutsche prescht heran und als sich die Nebel lichten, taucht ein imposantes Luftschiff auf. Der Journalist Hermann Kühn, der preußischen Offizier Friedrich Adalbert vom Lehn, die Varieté-Künstlerin Chantal LaGrande und Feministin Elsa Stahl sind die vier geladenen Gäste, welche die Ehre haben, die Jungfernfahrt dieses neuesten Wunderwerks der Technik von Hamburg nach München mitzumachen. Was sie nicht wissen: Sie eint deutlich mehr als der Besitz eines Tickets für dieses Ereignis. Vielmehr sind sie Figuren in einem Spiel, in dem es um Schuld, Sünden, Buße und Erlösung geht. Doch wer von ihnen wird Erlösung finden und wer wird mit dem Leben büßen müssen? Und welche Rolle spielt in dem Ganzen der geheimnisvolle Katharsist?

Das Vorhandensein von für die damalige Zeit phantastisch-futuristischer Technologie als notwendige Bedingung für eine Steampunk-Geschichte erfüllen die Autoren insofern, als dass sie die erste Fahrt eines zivilen Luftschiffs aus dem Jahre 1909 knapp 20 Jahre in die Vergangenheit verlagern. Da auch die zeitliche Verortung den Konventionen entspricht, kann man mit Fug und Recht von einer Steampunk-Geschichte sprechen. Im Kern ist In letzter Instanz hingegen ein Kammerspiel, in dem sich alles darum dreht, dass sich vier Personen den Sünden ihrer Vergangenheit stellen. Würde das Stück statt in einem Luftschiff in einem eingeschneiten Landhaus in Ostpreußen spielen, die Handlung würde immer noch funktionieren. Doch das Setting gibt dem Plot zweifelsohne eine zusätzliche Note. Die Charaktere der Erzählung sind interessant angelegt und könnten wohl unterschiedlicher kaum sein, wobei Lohfeldt und Ansing bewusst mit Klischees spielen und auch nicht mit gekonnten Seitenhieben sparen. Ihre Geschichte entwickeln die beiden zwar zügig, aber durchaus nicht überhastet. Gekonnt drehen sie immer weiter an der Spannungsschraube, steigern den emotionalen Druck für die Charaktere mehr und mehr, ehe sie die Story schließlich in einem Showdown kulminieren lassen, der bis zuletzt nicht vorhersehbar ist. Da es auch an Humor nicht mangelt, präsentiert sich Die letzte Instanz als eine kurzweilige Produktion, die ihr Publikum über die ganzen ca. 50 Minuten Laufzeit spannend und abwechslungsreich zu unterhalten versteht.

Die Autoren haben es sich nicht nehmen lassen, zwei Figuren in ihrem Stück selbst zu verkörpern. Marco Ansing ist der Katharsist, während Krista Lohfeldt in die Rolle von Elsa Stahl schlüpft. Darüber hinaus kann man die Schauspielerin Wiba Stein als Chantal LeGrande erleben und die erfahrenen Sprecher Martin Sabel und Detlef Tams treten als Hermann Kühn bzw. als Friedrich vom Lehn in Aktion. Welch großen Wert die Verantwortlichen auf eine stimmige Klangkulisse legten, verdeutlicht die Tatsache, dass man mit Natalia Obscura und Evie Ex Machina gleich zwei Geräuschemacherinnen auf der Bühne hatte. Gekonnt lassen sie Türen quietschen, Propeller rattern, Pistolen knallen und Schritte vorbeihasten. Dazu komponierte Michael Freiherr von Dunkelfels eine durchaus atmosphärische Musik, welche die Steampunk-Band Drachenflug zu Gehör bringt. Die Leistung aller Beteiligten überzeugt durch Einsatz und Spielfreude, kann sich darum also wirklich hören lassen. Und zudem überträgt sich der Spaß, den die Akteure auf der Bühne haben, auch auf den Hörer. Dem Publikum vor Ort wird es seinerzeit sicher auch gut gefallen haben, doch davon bekommt man auf der CD leider nicht viel mit. Die Mikrofone fangen die Stimmen der Sprecher, die Soundeffekte und die Musik anständig ein, die Reaktionen der Zuschauer hingegen so gut wie nicht. Etwas schade, denn diese Aufzeichnung einer Live-Veranstaltung hätte dadurch noch zusätzlich an Atmosphäre gewonnen. 
 


Bekäme man für seine 10 Euro (+ 2 Euro Versand) lediglich die CD mit dem Livehörspiel, dann wäre dies vor dem Hintergrund, dass es sich um eine Independent-Produktion mit geringer Stückzahl handelt, bereits ein äußerst fairer Preis. Geradezu zum Schnäppchen wird die Anschaffung aber dadurch, dass man zusätzlich eine DVD bekommt, auf der sich der Videomitschnitt der Aufführung, eine Bildergalerie und außerdem ein Konzert von Drachenflug befindet. Abgerundet wird die CD/DVD-Kombi durch ein schön gestaltetes Booklet und ein Backcover, die beide vom Künstler Wey-Han Tan gestaltet wurden. So etwas darf man in der Tat als Rundum-Sorglos-Paket bezeichnen.


Mit Die letzte Instanz nehmen Krista Lohfeldt und Marco Ansing das Publikum mit auf einen spannenden Ausflug in die Gefilde des Steampunk. Die Produktion spricht sowohl die bestehenden Fans dieses Themenkreises an, bietet für Neueinsteiger eine gute Gelegenheit und wendet sich nicht zuletzt auch an Hörspielfans, die Unterhaltung abseits der gängigen Genres suchen, auf die kommerzielle Anbieter heutzutage zumeist setzen. Wer sich zumindest in einer dieser Zielgruppen verortet, sollte sich Die letzte Instanz sichern.

Die CD/DVD-Kombi von Die letzte Instanz kann direkt bei Marco Ansing unter kontakt@marco-ansing.de bestellt werden.



Kommentare:

  1. Ein geniales Projekt! Von Marco Ansing wird man noch viel hören!
    Frank-Michael Rost (Ohrland Verlag)

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    1. Davon bin ich auch überzeugt, denn er hat ja zumindest ein weiteres sehr spannendes Projekt in der Pipeline.

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