Filmkritik: «Captain America 2: The Return of the First Avenger»


Ein Ratschlag für alle Schauspielnovizen, die einen Bösewicht überzeugend verkörpern wollen, lautet bekanntlich: "Spiele ihn nicht als Bösewicht! Kein Bösewicht denkt von sich, er sei ein Bösewicht!" Von einem ähnlichen Ansatz ließen sich wohl auch Christopher Markus und Stephen McFeely leiten, als sie das Drehbuch zu dem Film Captain America 2: The Return of the First Avenger (org.: Captain America: The Winter Soldier) schrieben, der seit dem 27. März in unseren Kinos läuft. Denn wenngleich es sich um eine Comicverfilmung handelt, fühlt sie sich sich über weite Strecken nicht so an.

Der Film spielt einige Zeit nach den Ereignissen in Marvel's The Avengers und Captain America wird von der Organsation S.H.I.E.L.D. auf Missionen rund um den Erdball geschickt. Sein neuester Auftrag ist die Befreiung von Geiseln aus der Hand von Terroristen – ein Job, den er gemeinsam mit Natasha Romanoff aka Black Widow auch prompt erledigt. Doch irgendetwas ist faul an der ganzen Sache und ehe sich der Supersoldat versieht, findet er sich im Zentrum einer Verschwörung wieder. Gemeinsam mit Black Widow und Sam Wilson aka The Falcon stellt sich Steve Rogers den Verschwörern. Doch diese haben mit dem Winter Soldier einen Krieger auf ihrer Seite, der Captain America absolut Paroli bieten kann. Nur einer von beiden kann gewinnen...

Dreiundsiebzig Jahre ist es nun her, seit Captain America erstmals auch der Comicbildfläche erschien. Seine Schöpfer Jack Kirby und Joe Simon machten Steve Rogers nicht nur zum Supersoldaten, sondern auch zum Sinnbild für alles, worauf die Nation in jenen Tagen stolz war: Freiheit, Demokratie, Mut, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Stärke und Durchhaltewillen. Jeder Sieg des Captains war dadurch gleichbedeutend mit einem Beweis für die Richtigkeit des American Way of Life. Viel hat sich seit jenen Tagen im ehemaligen Land der unbegrenzten Möglichkeiten verändert. Die USA sind zynischer geworden und präsentieren sich zutiefst gespalten. Immer noch sind die Wunden des 11. September nicht verheilt und die Bürger sind voller Misstrauen gegenüber einer Regierung, der sie schon lange nicht mehr glauben, sie und ihre Datenkrake NSA würden ausschließlich Regierungen anderer Länder bespitzeln.

Die Autoren Markus und McFeely greifen dieses Klima der Verunsicherung und Enttäuschung auf. Sie hetzen den First Avenger durch einen actiongetränkten Polit-Thriller, in dem Captain America selbst zur Zielscheibe einer groß angelegten Verschwörung wird, nachdem das System zunächst versucht hat, ihn für sich zu vereinnahmen. Als er beginnt, die Motive und Handlungsweisen seiner Auftraggeber zu hinterfragen, kommt er auf die Abschussliste. Doch im Gegensatz zum kleinen Mann auf der Straße, der im täglichen Leben dem Treiben des Establishments hilflos ausgeliefert ist, nimmt Steve Rogers in diesem Film den Kampf auf und schlägt zurück. Und wie 1941 kämpft er stellvertretend. Es ist das anständige, ehrliche und moralische Amerika des Jahres 2014, das in Person von Captain America aufsteht und der Machtelite der heutigen USA entgegenschreit: "Wir haben genug von euch!"

Noch nie war eine Comicverfilmung so politisch und es ist bemerkenswert, wie dermaßen eindeutig sich Marvel positioniert. Noch bemerkenswerter ist jedoch die Tatsache, dass es den Autoren gelingt, ihre Message zu transportieren, ohne dafür den Holzhammer auspacken zu müssen oder dauernd das Sternenbanner zu schwenken. Stattdessen werden hier in bester SF-Manier aktuelle gesellschaftliche Themen in ein futuristisches Gewand gehüllt und durchgespielt. Trotz aller Allegorien spricht der Film dadurch auch jene an, die sich einfach nur spannend unterhalten lassen wollen und baut zudem eine Brücke für Nicht-Amerikaner, die der zentralen Figur ob ihres patriotischen Backgrounds ansonsten eher kritisch gegenüberstehen. Fans der Vorlage wird es überdies freuen, dass eine Reihe von bekannten Charakteren aus dem Comic in diesem Streifen nun ihr Leinwanddebüt geben.

Für Captain America 2: The Return of the First Avenger wurde Joe Johnston als Regisseur von Anthony und Joe Russo beerbt und die Russos setzen auf eine dynamische Kameraführung, um die elaborierten Actionsequenzen optisch eindrucksvoll einzufangen. Doch überzeugt ihre Bildsprache auch in den ruhigeren Momenten des Films. Vor der Kamera agiert ein hochkarätiger Cast mit Chris Evans in der Hauptrolle. Zum inzwischen dritten Mal ist er nun Steve Rogers aka Captain America und er geht dermaßen in dieser Rolle auf, dass sein früherer Ausflug ins Superhelden-Business (er war die menschliche Fackel Johnny Storm in den beiden Fantastic Four-Filmen) nahezu vergessen ist. Die Chemie zwischen Evans und Scarlett Johansson auf der Leinwand stimmt und das Duo Captain America und Black Widow drückt dem Film über die gesamte Spielzeit von ca. 128 Minuten seinen Stempel auf. Das Duo erweitert sich im Verlauf der Handlung durch die Einbeziehung von Anthony Mackie aka The Falcon zum Trio und Mackie gibt einen starken Einstand. Es wird wohl nicht sein letzter Einsatz in dieser Rolle gewesen sein. Das Drehbuch gibt dem im Marvel-Universum omnipräsenten Samuel L. Jackson erfreulicherweise die Gelegenheit, ganz unterschiedliche Facetten der Figur Nick Fury auszuloten und Kinolegende Robert Redford hat sichtlich Spaß daran, einmal einen ganz anderen Charakter als sonst üblich zu verkörpern. Im Gegensatz dazu erforderte der Part des Winter Soldier von Sebastian Stan kein ausgeklügeltes Mimenspiel, denn den Großteil des Films läuft er mit einer Gesichtsmaske herum. Übermäßig viel Text musste Stan auch nicht lernen und dennoch strahlt er eine physische Präsenz aus, die ihn zu einem glaubwürdigen Gegner für den Supersoldaten macht. Emily VanCamp bleibt als Sharon Carter bzw. Agent 13 dagegen eine Fußnote, weshalb es Cobie Smulders als Maria Hill überlassen bleibt, neben Scarlett Johansson für weitere Frauenpower zu sorgen. In einer sehr emotionalen Szene gibt es zudem ein Wiedersehen mit Hayley Atwell, die ihre Rolle als Peggy Carter aus dem ersten CA-Film ein weiteres Mal aufnimmt.

Nachdem er sowohl für Captain America: The First Avenger als auch für Marvel's The Avengers den Soundtrack besorgen durfte, hatte Alan Silvestri dieses Mal eine Auszeit. Statt seiner komponierte Henry Jackman (Captain Philips, G.I. Joe 2) die Filmmusik und sie hinterlässt einen deutlich positiveren Eindruck als die doch recht austauschbaren Klanggebilde der Marke Silvestri.


Captain America 2: The Return of the First Avenger ist eine gelungene Mischung aus Agentenfilm, Polit-Thriller und Comicadaption. Markus und McFeely zeigen auf, warum der Protagonist auch siebzig Jahre nach seinem ersten Auftritt immer noch relevant ist, lassen ihn endgültig in der Gegenwart ankommen und erschüttern den Status Quo des Marvel-Filmuniversums massiv, was erhebliche Auswirkungen auf Marvel's The Avengers 2: Age of Ultron haben dürfte, der nächstes Jahr an den Start geht. Captain America 2: The Return of the First Avenger ist ein gutes Beispiel dafür, was man aus einer Comicvorlage herausholen kann, wenn man ihre Figuren als komplexe Charaktere ernst nimmt und sie nicht auf bunte Kostüme und Superkräfte reduziert.

Captain America: The Return of the First Avenger läuft seit dem 27. März 2014 in den deutschen Kinos.

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