Rezension: Schattentrinker 1 - Träume (Mindcrusher Studios)


Bereits seit einigen Jahren bereichern die Mindcrusher Studios (MCS) die Hörspiellandschaft mit ihren Produktionen, die sie dem interessierten Publikum kostenfrei zugänglich machen. Auf ein bestimmtes Genre ist man dabei nicht festgelegt und dementsprechend vielfältig ist die Palette, die von SF über Comedy bis hin zur Mystery reicht. Letzterer Gattung ist auch der neue Fünfteiler Schattentrinker aus der Feder von Oda Plein zugehörig. Schattentrinker 1 - Träume wurde am 1. März 2014 veröffentlicht und herunterladen kann man sich den Serienauftakt seitdem von der offiziellen Seite der Mindcrusher Studios.

Im Zentrum von Schattentrinker 1 – Träume steht Bettina Wagner. Die junge Frau leidet unter Depressionen – einer psychischen Störung, die sie mit auffällig vielen anderen Einwohnern ihrer norddeutschen Heimatstadt Frentsheim teilt. Während die Patienten in der ortsansässigen Kelden-Klinik behandelt werden, beginnt die Presse zu mutmaßen, dass es einen speziellen Grund für das gehäufte Auftreten dieser Krankheit geben könnte. Und dass die Leitung der Klinik mehr weiß, als zu zuzugeben bereit ist. Die ganze Wahrheit kennt auch Bettina Wagner nicht, doch sie kommt ihr Schritt für Schritt näher, als sie in Wachträumen und Halluzinationen Kenntnis von der Existenz des mysteriösen Kults der Abanemari erhält. Es ist ein Wissen, das sie das Leben kosten kann.

Oda Plein produzierte und schrieb für die MCS unter anderem bereits den Mystery-Dreiteiler Rabenpriester und kennt daher nur zu gut die Anforderungen an eine Eröffnungsfolge. Entsprechend führt Schattentrinker 1 – Träume alle relevanten Charaktere des Mehrteilers ein und etabliert zudem das Setting der Geschichte, deren Plot bereits ein Stück weit voranschreitet. Naturgemäß werden dabei eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die zu beantworten dann Sache der nachfolgenden Episoden ist. Bettina Wagner fungiert als Ich-Erzählerin und ist dadurch der Dreh- und Angelpunkt. Eine Akteurin im engeren Sinne ist sie allerdings nicht, denn während sie in ihren Träumen von einem Handlungsort zu nächsten gleitet, ist sie stets zur Hilf- und Tatenlosigkeit verdammt und auf die Rolle der kommentierenden Beobachterin reduziert. Dass dieser Umstand die junge Frau frustriert und immer mehr zur Verzweiflung treibt, ist durchaus nachvollziehbar. Durch ihre unfreiwillige Passivität fällt es einem als Hörer jedoch schwer, sich ein genaueres Bild von Bettina Wagner zu machen. Einzig ihre Äußerungen kann man als Grundlage für eine Einschätzung ihres Charakters heranziehen – und da sammelt diese Figur nicht gerade viele Sympathiepunkte. Sehr schnell fällt sie Urteile über Personen, die sie gar nicht richtig kennt und genauso schnell ändert sie ihre Ansichten auch wieder. Ein junges Mädchen, für das sie zunächst Mitleid empfindet, bezeichnet sie kurze Zeit später als Hexe, ehe gegen Ende wieder auf Mitleid umgeschaltet wird. Natürlich darf sich jeder Mensch in seinen privaten Träumen so äußern, wie sie oder er es für richtig hält. Doch mehr als einmal würde man sich wünschen, die Autorin hätte ihrer Protagonistin Schweigen verordnet, denn deren Einlassungen sind zuweilen nicht das, was man gemeinhin als hilfreich bezeichnet. Die restlichen Charaktere tun sich deutlich leichter damit Profil zu zeigen, eben weil sie agieren bzw. miteinander interagieren können. Es zeichnet sich ab, dass es ein komplexes Beziehungsgeflecht existiert, welches es noch tiefer zu erforschen gilt.

Obgleich die Idee, die Ereignisse in einer Abfolge von Traumsequenzen zu erzählen, durchaus erfrischend ist, so zwingt dieses Stilmittel in der Umsetzung dem Hörspiel eine gewisse Gleichförmigkeit auf, weil Perspektivwechseln ein Riegel vorgeschoben wird und die Szenen zudem stets einem recht ähnlichen Aufbau folgen. Darüber hinaus wären gelegentliche Tempowechsel wünschenswert gewesen, um mehr Dynamik in eine Handlung zu bringen, die doch sehr die Ruhe weg hat. Das Resultat ist ein Spannungsbogen, der nicht vollends überzeugen kann. Trotz der überschaubaren Laufzeit von ca. 56 Minuten Laufzeit tut er sich nämlich zuweilen arg schwer damit, das Publikum an sich zu binden und das Interesse der Hörer hoch zu halten. Sicherlich sind manche Schwächen dem Charakter dieses Hörspiels geschuldet, da naturgemäß in einer Einstiegsepisode mehr als in allen folgenden Teilen der Fokus auf Expositionen liegt. Doch hätte unterm Strich etwas mehr dafür getan werden können, das Auditorium zu packen und neugierig darauf zu machen, wie es Bettina Wagner weitergeht.

Ein uneingeschränktes Lob verdient hat hingegen die Besetzung des Hörspiels. Beginnend mit Kirsten Schuhmann, der es es mit ihrer Stimme sehr wirkungsvoll gelingt, die seelischen Qualen Bettina Wagners für den Hörer akustisch erlebbar zu machen, überzeugen auch Markus Raab, Margarete Bertram, Lea und Germaine Plein, Ralf Pappers, Matthias Nagel, David Riedel, Jessica von Haeseler, Sabrina Heuer, Sebastian Bäcker, Dennis Pauler und Celina Walter. Als prominente Gastsprecher konnte man Christian Senger für die Rolle des Dr. Barten und Annina Braunmiller als Schwester Annina gewinnen. Unkommerziellen Hörspielen wird gerne mal der Vorwurf gemacht, sie hätten auf der Sprecherseite nicht viel zu bieten. Schattentrinker 1 – Träume straft solche Vorurteile Lügen. Ebenfalls einen sauberen Job kann man problemlos Jan Boysen, der für Schnitt und Effekte verantwortlich zeichnet und Marius Keil attestieren, dessen stimmungsvolle und zugleich dezente Musik gut auf die Handlung abgestimmt wurde. Ein kleines Kunstwerk stellt darüber hinaus das Cover von Laura Flöter dar.


Schattentrinker 1 – Träume deutet das Potential an, das in dieser Saga steckt. Mehr allerdings nicht, doch noch ist nichts verloren. Wenn Teil 2 eine etwas zügigere Gangart an den Tag legt und der Protagonistin mehr Ecken und Kanten verliehen werden, dann hat man in der Tat ein tragfähiges Gerüst beisammen, das den Plot über die restlichen Episoden trägt. Sollte dies jedoch ausbleiben, dann wäre Folge 2 zumindest für diesen Rezensenten wohl die letzte.



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