Rezension: Die Schläfer - Unheimliches Erwachen in der Antarktis (Springhorn Entertainment/Vitaphon)


In der Hörspiellandschaft sind Produktionen ohne jeglichen Serien- oder Reihenhintergrund eher die Ausnahme. Und solche, die mit einer satten Laufzeit von ca. 150 Minuten daherkommen, erst recht. Springhorn Entertainment und Vitaphon hat dies aber nicht davon abgehalten, mit Die Schläfer – Unheimliches Erwachen in der Antarktis im März 2013 eben genau solch eine Erzählung vorzulegen. Über zwei Jahre haben Autor Torsten Gellrich und das Team rund um die Regisseure Petra Springhorn und Andreas Kleb an diesem Werk gearbeitet und darum ist es um so bedauerlicher, dass Die Schläfer unterm Strich ein doch etwas ambivalentes Hörerlebnis bietet.

Der Neurobiologe Dr. Vincent Lürssen reist für eine Isolationsstudie in die Antarktis zur Forschungsstation Darwin. Dort sind Forscher kurz davor, den seit 30 Millionen Jahren von der Außenwelt abgeschnittenen Lake Vostok anzubohren. In ihm, so die Theorie, könnte die Evolution eine völlig andere Richtung eingeschlagen haben. Und tatsächlich stößt man unter dem von vier Kilometer Eis begrabenen Gewässer auf exotisch anmutende Lebensformen. Die Freude darüber schlägt aber schon bald in Angst und Schrecken um: Als ein Mitglied des Teams spurlos verschwindet, dämmert den anderen Forschern, dass ihre Sonde auf eine Erfindung der Natur gestoßen sein muss, welche für sie, ja sogar für die gesamte Menschheit, den Untergang bedeuten könnte.

Für Die Schläfer spricht, dass Torsten Gellrich nicht ausschließlich der Fantasie freien Lauf gelassen, sondern vielmehr seine Kenntnisse im Bezug auf Naturwissenschaften und Philosophie in die Story eingebracht hat. Die Schläfer ist ohne Frage eine Science Fiction-Geschichte, doch sie basiert auf jeder Menge Science Fact. Gellrich hat intensiv recherchiert (das Alfred-Wegner-Institut für Polar und Meeresforschung war nur eine von gleich mehreren Einrichtungen, die der Autor kontaktierte) und er reichert die Handlung mit jeder Menge Informationen an, ohne dabei dieses Hörspiel jedoch in eine Universitätsvorlesung ausufern zu lassen. Den Handlungsbogen entfaltet der Autor zunächst behutsam. Akribisch etabliert er die Grundlagen seiner Story, erläutert die Hintergründe der Polarexpedition und den Auftrag Lürssens, ehe er anschließend dem Hörer plastisch zu Gehör bringt, wie es in solch einer Station im ewigen Eis zugeht und worin die besonderen Herausforderungen liegen, wenn man unter solch extremen Bedingungen Forschung betreibt. Sind diese Basics erst einmal geklärt, nimmt die Handlung merklich an Fahrt auf, um in der zweiten Hälfte der Geschichte dann vollends durchzustarten, bis der Plot in einem filmreifen Finale mündet, das nicht nur packend ist, sondern außerdem auch noch die gängigen Hollywood-Konventionen auf die Schippe nimmt.

Es ist nicht gerade leicht, ein Publikum über zweieinhalb Stunden bei der Stange zu halten, doch dem Autor gelingt es ganz gut, die Hörerschaft von der ersten Minuten an für das Geschehen zu interessieren. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Gellrich sich bei der Gestaltung seiner Protagonisten wirklich Mühe gegeben hat. Aus insgesamt neun Personen besteht die Crew der Forschungsstation Darwin und für jede wurde ein Background ersonnen, der immer wieder im Verlauf der Handlung durchscheint. Alle Figuren verfügen über individuelle Charaktermerkmale und da es sich um eine internationale Truppe handelt, sprechen einige der Mitglieder mit deutlich hörbarem Akzent. So etwas ist nicht jedermanns Fall, die Orientierung während des Hörens erleichtert es jedoch erheblich. Bei der Besetzung der Rollen hatte Springhorn Entertainment übrigens wirklich eine glückliche Hand, denn André Beyer, Petra Springhorn, Stephan Ziwich, Liudmyla Vasylieva, Andreas Kleb, Alexander Schattenberg, Katja Pilaski, Ralf Bettinger und Arno Lüning gehen in ihren Rollen buchstäblich auf und können absolut überzeugen. Zudem ist es schön, dass hier einmal Stimmen zum Einsatz kommen, die man nicht schon aus diversen anderen Produktionen kennt. Auch in puncto Regie, Abmischung und Sounddesign braucht sich Die Schläfer nicht zu verstecken, denn Petra Springhorn und Andreas Kleb haben als Regisseure sehr gut darauf geachtet, dass das Spiel der Akteure geerdet bleibt und nicht in Klischees abrutscht. Zuweilen hätte der Übergang zwischen den einzelnen Szenen vielleicht etwas eleganter ausfallen können und der Soundtrack, für den Autor Gellrich höchstselbst verantwortlich zeichnet, ist zwar gelungen, hätte sich aber durchaus gelegentlich etwas mehr in den Vordergrund spielen dürfen. Doch dies alles ist kein Beinbruch. Besondere Erwähnung soll übrigens Clemens Endreß von der Klangmanufaktur finden, dessen mit zahlreichen kleinen Details aufwartendes Sounddesign in der Tat dafür sorgt, dass man sich akustisch an den Südpol und an Bord der Darwin-Station versetzt fühlt.

Dass Die Schläfer bei aller Qualität des Casts, der Regie, der Abmischung und des Sounddesigns einen mit gemischten Gefühlen zurücklässt, liegt an einer einzigen Tatsache: Es gibt die Geschichte eigentlich bereits. Natürlich nicht eins zu eins, doch allzu weit ist der Plot dieses Hörspiels nicht von dem entfernt, was Howard Hawks und John Carpenter in Das Ding aus einer anderen Welt oder Ridley Scott mit Alien vorexerziert haben. Auch David Cronenbergs Remake von Die Fliege hat deutliche Spuren im Skript hinterlassen. Was übrigens nicht nur daran liegt, dass ein Mitglied der Darwin-Crew David Cronenburg heißt. Über eine Stunde dreht Gellrich genüsslich an der Erwartungsschraube des Publikums, nur um anschließend ein „Neun-kleine-Forscherlein-Spiel“ aufzuziehen, das zwar nicht ohne Spannung, Dramatik und Action ist, jedoch des ausführlichen Vorlaufs eigentlich nicht bedurft hätte. Sicher, in diese Produktion sind mehr wissenschaftliche Fakten eingeflossen als in alle Drehbücher der genannten Filme zusammen. Doch was nützt dies, wenn Die Schläfer in seiner zweiten Hälfte das Potential der ersten 60 Minuten größtenteils verschenkt, indem der Plot zu einer Hörspielversion eines Monster Movies mutiert? Die Chance, die bekannten Pfade zu verlassen, wurde dadurch leider vertan. Und das, obwohl der erste Teil der Geschichte durchaus berechtigten Anlass zu der Hoffnung gab, der Thematik könnten dieses Mal tatsächlich neue Seiten abgewonnen werden. Zu früh gefreut. Vielleicht beim nächsten Mal.

Mit Die Schläfer – Unheimliches Erwachen in der Antarktis ist Torsten Gellrich, Springhorn Entertainment und Vitaphon ein Hörspiel gelungen, das es versteht, sein Publikum die ganzen zweieinhalb Stunden Laufzeit über gut zu unterhalten. Leider löst sich der Autor nicht konsequent genug von den Inspirationsquellen, um Die Schläfer zu einem ganz großen Wurf zu machen. So bleibt die Story unterm Strich trotz aller eingeflossenen wissenschaftlichen Fakten eher Durchschnitt. Aufgrund der Leistung der Besetzung und vor dem Hintergrund einer überzeugenden technischen Umsetzung des Skripts bliebt dieses Hörspiel aber immer noch eine Empfehlung für die kommenden kalten Wintermonate.



Kommentare:

  1. Ging mir auch so.. wuerde ich 1:1 unterschreiben die Rezension :-D... gruss rudi

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  2. Sehr gute Rezi, ich war dieses mal richtig gespannt darauf! :)

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  3. Vielen Dank für eure Kommentare. Es freut mich, dass euch meine Rezension gefallen hat.

    Die Besprechung war dieses Mal nicht ganz leicht, weil man die Produktion aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten kann. Das zeigt auch das Meinungbild in manchen Hörspielforen. Dort wurde "Die Schläfer" teilweise zum "Hörspiel des Jahres" erklärt. Das ist es in meinen Augen nicht, aber jeder darf da gerne seine eigene Meinung haben.

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