Rezension: Humanemy 2 - Der Fahrer (Lindenblatt Records)


Es war im März, als das Label Lindenblatt Records den Auftakt seines vierteiligen Hörspiels Humanemy an den Start brachte (ich rezensierte). Seinerzeit kündigte man an, quartalsweise eine neue Folge präsentieren zu wollen und die Lindenblätter haben Wort gehalten, denn am 13. Juni kam mit Humanemy 2: Der Fahrer die nächste Episode in die Läden. Konnte schon der Erstling durch seine ansprechenden Charaktere, das düstere Setting und rasante Action überzeugen, gilt dies für die Fortsetzung erst recht, denn in jeder Hinsicht legen die Autoren Stefan Lindner und Johnny Wittermann mindestens eine Schippe drauf.

Der fallengelassene Regierungsagent Lennart, genannt "Das Chamäleon", hat sich mit einem Fahrzeugspezialisten, einem Hacker und einem Waffenexperten zusammengetan. Gemeinsam werden sie beauftragt, hochbrisante Daten zu stehlen. Kein leichtes Unterfangen, denn Lennarts ehemalige Kollegen machen Jagd auf ihn und im neuen Team kommt es immer wieder zu internen Streitereien. Außerdem befinden sich die Daten ausgerechnet auf einem isolierten Computer der Oberstaatsanwaltschaft …

Die aktuelle Episode trägt ihren Titel absolut zu Recht, denn die Figur des Maurice, genannt "Der Fahrer" steht im Mittelpunkt des Plots dieses Hörspiels. Es beginnt mit ihm und wenn es nach ca. 75 Minuten endet, hat man viel über seinen Background erfahren, seine Motivation, sich an dem vom Chamäleon geplanten Coup zu beteiligen, kennengelernt und gleichzeitig hilfreiche Details über die gesellschaftlichen Verhältnisse bekommen, vor deren Hintergrund die Geschichte spielt. Eines hat man als Hörer allerdings nicht: Irgendeine Ahnung, in welche Richtung sich der Plot weiterentwickeln wird. Was sich vielleicht nach Kritik anhört, ist im Gegenteil als großes Lob an die Adresse des Duos Lindner/Wittermann zu verstehen, die es schaffen, die gesamte Spielzeit über eine Atmosphäre des Ungewissen und Unabsehbaren zu konservieren. Alles kann passieren, jeder Twist ist möglich. Und so kommt es dann auch: Manches klappt so, wie sich das Quartett den Ablauf seines Diebstahls gedacht hat, doch schnell laufen Dinge aus dem Ruder, ergeben sich neue Tatsachen und damit Wendungen, die weder die Akteure noch das Publikum so haben kommen sehen.

Trug dieses Dark Future-/Cyberpunk-Hörspiel bereits in der ersten Folge zudem Züge eines Polit-Thrillers, so wird dieses Element im Verlauf der zweiten Episode noch ausgebaut. Es ist eine komplexe und zuweilen futuristische Welt, durch die sich die Charaktere durchschlagen müssen, doch sie trägt unleugbar auch die Züge unserer Gegenwart. Allzu häufig wird man als Hörer das beklemmende Gefühl nicht los, dass unsere Gesellschaft nur einen oder vielleicht zwei schlechte Tage von dem entfernt ist, was in diesem Hörspiel an Grausamkeit und sinnloser Gewalt gegen Wehrlose geschildert wird. Die Macher moralisieren jedoch nicht, sondern betten diese Aspekte in einen temporeichen Plot ein, den sie zügig vorantreiben und mit jeder Menge Action garnieren, ohne dabei jene Prise Humor zu vergessen, die einfach zu einem schmackhaften Hörspielgericht dazugehört. Die Maximaldauer einer CD nutzt Humanemy 2: Der Fahrer mit eineinviertel Stunden fast vollständig aus, doch wurde hier nichts künstlich gestreckt, weshalb man Hänger im Spannungsbogen auch vergeblich sucht. Die Story braucht einfach diese Zeit und es ist schön, dass man ihr auch die Gelegenheit gegeben hat, sich entsprechend zu entfalten. Das Ergebnis ist eine Episode, die nicht nur den Handlungsstrang des Auftakts konsequent fortsetzt, sondern ihn vertieft und dabei gleichzeitig die Figuren noch greifbarer macht, indem sie diese weiter ausleuchtet.

Die zentralen Charaktere verkörpern wie in Episode 1 Patrick Borlé, Thomas Lindner, Johnny Wittermann und Stefan Linder und alle Sprecher fühlen sich in ihren Rollen inzwischen sichtlich wohl. Wenn man an dieser Stelle niemanden besonders herausstellt, dann deshalb, weil hier ein Cast eine homogene Leistung auf Augenhöhe abliefert, welche die Erwartungen des Publikums absolut erfüllt. Der aus anderen Produktionen bekannte Marc Schülert gibt ein Gastspiel als Computerstimme, Heinz Lindner ist als "Der General" zu hören und Cathy Schneider als Ariane Riedmüller. An dieser Stelle eine ganz persönliche Anmerkung: Teile der Hörspielfans mögen Sprecher mit deutlich hörbarem Akzent oder Dialekt nicht. Ich finde dies hingegen sehr sympathisch, weil es den Charakteren eine persönliche und authentische Note verleiht. 

In Sachen Regie und Abmischung operiert diese Produktion wie gehabt auf gehobenem Niveau und bewegt sich sowohl in Dialog- wie auch in Actionszenen jederzeit deutlich hörbar auf sicherem Terrain. Die Industrial-Band VorTeX zeichnet erneut für den Großteil des Soundtracks verantwortlich, der im Zusammenspiel mit den Soundeffekten einen optimalen akustischen Raum für die Erzählung generiert. Da die Stücke auch für sich allein absolut hörbar sind, wäre es eine prima Sache, wenn sich Lindenblatt Records nach dem Abschluss von Humanemy vielleicht zu einer Soundtrack-Compilation entschließen könnte. Verdient hätte der Soundtrack solch eine Veröffentlichung auf jeden Fall.


Humanemy 2: Der Fahrer überzeugt durch eine packende Erzählung, plastische Charaktere und knallharte Action und bestätigt damit den positiven Eindruck der Auftaktepisode. Es ist im besten Sinne erwachsene Unterhaltung, die hier geboten wird und von dieser strotzt die Hörspiellandschaft aktuell ja nicht gerade. Wer also richtig gute Hörspielunterhaltung abseits des Mainstreams sucht, sollte nicht zögern und sich Episode 1 sowie die aktuelle Episode von Humanemy zulegen.  

Humanemy 2: Der Fahrer ist auf CD und als MP3-Download im eigenen Shop von Lindenblatt-Records erhältlich, zudem auch bei Pop.de und Amazon.



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