Verlage ohne Verantwortung? Ein Kommentar zum Roman «Die Abenteuer des Stefón Rudel» von Stefan Knapp


Durch einen kurzen Beitrag der Website Dystopische Literatur bin ich heute auf einen Vorgang aufmerksam geworden, der mich zunächst herzlich zum Lachen gebracht, dann nachdenklich gestimmt und abschließend zumindest so sauer gemacht hat, dass ich an dieser Stelle darüber schreiben möchte.

Es geht um ein Buch. Genauer gesagt geht es um den SF-Roman Die Abenteuer des Stefón Rudel von Stefan Knapp. Der Name des Autors muss einem nichts sagen, und die überwältigende Zahl der Rezensenten ist der Meinung, es gäbe keinen Grund, dieses Werk jemals zu lesen. Der Plot ist banal; Handlungslogik sowie Charakterentwicklung sind Fremdworte für den Autor, dessen politische Heimat - so lassen sich manche Passagen zumindest deuten - wohl deutlich rechts von der Mitte liegen könnte. Sollte dem nicht so sein, muss sich Knapp zumindest vorwerfen lassen, gefährlich unreflektiert bestimmte historische Personen oder Orte in seinem Buch verwendet zu haben.

Das Buch (ich habe es nicht gelesen) ist inhaltlich also offenbar literarischer SF-Megamüll und daher eigentlich keine Rede wert. Manche beschäftigen sich aber dennoch mit dem Roman. Und zwar aus dem Grund, da es sich bei dem Text wohl um die größte Ansammlung von Stilblüten und Rechtschreibfehlern handeln dürfte, die jemals zwischen zwei Buchdeckeln zu finden war. Es gibt kaum einen Satz, in dem nicht wenigstens ein Wort falsch geschrieben und der korrekten Zeichensetzung eine Absage erteilt wurde. Wie Knapp im Zeitalter automatischer Rechtschreibkorrektur es geschafft hat, solch ein orthographisches Desaster zu fabrizieren, wird auf Ewig ein Rätsel bleiben. Tatsache ist jedoch, dass es ihm gelungen ist, und ich stehe dazu, mich beim Lesen und Anschauen der Rezensionen zunächst einmal köstlich amüsiert zu haben. Angesichts der ganzen unfreiwilligen Komik, die durch die Rechtschreibfehler verbreitet wird, konnte ich einfach nicht anders.

Kostproben gefällig? Da rauchen Hippies einen „Jönt“, jemand fordert: „Jetzt Mahl Butter bei den Fischen“, Menschen fliehen auf ein „Menschheitsabsicherungsplatto“ und ein Satz beginnt tatsächlich mit „Als die Straße eine bigung machte...“. Für alle, die sich einen Eindruck über das Buch verschaffen wollen, verlinke ich auf die Leseprobe bei Amazon und die Rezension bei Klopfers Web. Zudem nimmt der Kanal ReziMafia Die Abenteuer des Stefón Rudel bei Youtube gerade auseinander:


Nachdem sich mein Zwerchfell wieder beruhigt hatte, stellte ich mir jene Frage, auf die man angesichts dieser Roman-Katastrophe wahrscheinlich zwangsläufig kommen muss: Verdammt noch mal, wer bringt solch einen Mist raus? Die Antwort fand ich nach einer kurzen Recherche und sie lautet: der united p.c. Verlag.

Dieses Unternehmen versteht sich als Dienstleister, der seinen Autoren die kostenlose Veröffentlichung ihrer Werke anbietet. Wobei kostenlos natürlich relativ ist, denn das Unternehmen streicht 90 Prozent des Buchverkaufspreises für sich ein. Dafür tut der Verlag aber auch richtig was für die Autoren: Es gibt „eine weltweit einmalig vergebene ISBN-Nummer“, „einen Eintrag im Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB)“, „einen Eintrag in der Deutschen Bibliothek“, „einen EAN Barcode mit Verkaufspreis auf der Buchrückseite“, „eine Präsentation und Listung auf der verlagseigenen Homepage“ und „eine Listung auf hunderten weiteren Onlineshops wie amazon, Thalia u.s.w.“ . Außerdem können „Privatpersonen, Buchhandel, Barsortimente und Großhändler per Telefon, E-Mail, Post und Fax beim Verlag bestellen“. Darüber hinaus stellt united p. c. „Journalisten den Pressetext zur Verfügung“ und „verschickt angeforderte Rezensionsexemplare an Medien“. Zudem kann „der Autor während der Vertragslaufzeit Bücher beim Verleger in beliebiger Stückzahl bestellen“ (Zitate nach der Website des Unternehmens).

Wer jetzt denkt, es handle sich bei dem Gros dieser Leistungen doch um absolute Basics, ohne die sich heutzutage ein Buch ohnehin gar nicht über den Handel verkaufen lasse, und auf die Stelle wartet, in der es um Dinge wie das Lektorat geht, der kann lange warten, denn so etwas kennt man nicht. In der Abteilung F & A (andere würden sie FAQ nennen), liest man als Antwort auf die Frage: „Wer hat mein Manuskript gelesen? Wie wurde es bewertet?“ die folgende Antwort: „Wir sichten einlangende Manuskripte nach verlagsinternen Vorgaben und nehmen eine Grundsatzentscheidung pro oder kontra vor. Eine detaillierte Prüfung bzw. Einschätzung wurde nicht vorgenommen.“ (Zitat nach der Website von united p.c.)

Dies erklärt durchaus, wie Stefan Knapps Die Abenteuer des Stefón Rudel überhaupt in Druck gehen konnte: Der Inhalt erschien dem Verlag offenbar juristisch unbedenklich genug, um ihm die Freigabe zur Veröffentlichung zu erteilen. Mit unbedeutenden Aspekten wie einem auf Inhalt und Rechtschreibung prüfenden Lektorat, will man sich hingegen gar nicht lange aufhalten. So etwas stört ja auch nur den reibungslosen Ablauf und verzögert das Durchstarten des Romans in den Verkaufscharts. Außerdem hat man dem Autor immerhin alles zur Endabnahme vorgelegt: Ist doch sein Fehler, wenn er nicht merkt, dass zahlreiche Seiten in seinem Roman nicht auf Blocksatz formatiert wurden, der Schriftsatz viel zu groß ist und der Klappentext, den er höchstselbst beigesteuert hat, nichts taugt. Im Falle von Die Abenteuer des Stefón Rudel liest der sich so (ich habe bewusst nichts editiert):

„Das Buch handelt von den jungen Stefón Rudel der in Kriegswirren vom Planeten Mars auf die Welterde kommt und dort aufwächst. Dann kommt er auf ein Menschheitsabsicherungsplatoo und erlebt dort viele Abenteuer. So kommt er weiter zum Filmplatto Mars und wird schließlich aufgenommen in die Mars Centauri. Sein Leitspruch lautet ab da Marscentauri ist groß Mars Centauri lebt ewig Groß ist der Sternenkreis. Durch Zufall lernt er einen Höher gestellten Viva Cruse kennen und wird auch Viva Cruse. So schließt er sich als Melder der Französischen Fremdenlegion an und erlebt so zahlreiche Abenteuer. Aber auch auf dem Planeten Mars kehrt er zurück und erlebt Abenteuer. So lernt er auch Dinochen kennen die von einem Fernen Planeten kommt und Filmstar werden will. So rettet er als Soldat der Fremdenlegion die Bretagne und wird hoch ausgezeichnet. Er lernt seine Jugendliebe Mademoiselle Lolo Bebtet Pinzet kennen und verliebt sich in Sie. Er erlebt auch auf dem Gossen Neumond Abenteuer und lernt so ferne Planeten kennen. Ein spannendes Abenteuerbuch mit mehr als 83000 Wörtern.“

Es ist selbstredend absolut legitim, dass ein Verlag mit seinen Büchern Geld verdienen will. Doch ich finde es moralisch zutiefst verwerflich, wenn man Autoren sehenden Auges ins offene Messer laufen lässt. Stefan Knapp und sein Buch werden im Internet - nicht ohne gewisse Berechtigung - lächerlich gemacht, und niemand bei united p.c. kann mir weiß machen, selbst bei einer lediglich stichprobenenartigen Prüfung des Manuskripts seien die erheblich formalen Mängel nicht bereits offensichtlich gewesen wären. Verlage, wenn sie nicht nur Druckereien sein wollen, haben in meinen Augen die Verpflichtung, im Vorfeld mit den Autoren formal und inhaltlich intensiv an ihren Werken zu arbeiten, damit am Ende ein brauchbares Buch mit zumindest gewissen Erfolgsaussichten dabei herauskommt. Ist ein Manuskript inhaltlich hingegen nicht zu retten, muss man als Verlag den Mut haben, es zurückzuweisen. Auch auf diese Weise kann (und muss) man einen Autor schützen, wenn man als Verlag seiner Verantwortung gerecht werden will. Alles zu drucken, schadet in letzter Instanz zudem nur dem Image des Hauses. Mit einem Buch, das bei united p.c. verlegt wurde, braucht mir auf jeden Fall so schnell niemand mehr zu kommen.


Zu dem Thema gäbe es sicherlich noch viel mehr zu sagen, doch ich will an dieser Stelle aufhören. Es war mir aber ein Bedürfnis, euch an meinen Gedanken teilhaben zu lassen. Wenn ihr euch auch äußern wollt, dürft ihr dafür gerne die Kommentarfunktion nutzen.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel. Ich kann dir nur zustimmen. In Prä-Internetzeiten war da noch anders. Da bezahlte der Autor auch dafür, dass sein Buch gedruckt wurde und dann verrottete es in den Lagern. Vom Einstampfen konnte er zu einem "Spezialpreis" nach ein paar Jahren freikaufen. Von der Existenz des Buches erfuhr eigentlich niemand etwas. Die Öffentlichkeit nahm es nicht wahr. Woher auch. Heute ist das anders - dank Internet.

    Mir tut der Autor irgendwie leid. Mir tut es immer weh, wenn das, worin ich mein Herzblut vegossen habe (WEHE EINER KRITISIERT DIESES BILD! ;) ) abgelehnt wird. Deshalb habe ich auch Abstand davon genommen, selbstverlegte Bücher zu rezensieren - die Reaktionen der Autoren sind manchmal zu heftig oder die Texte einfach zu schlecht.

    Ich habe auch überlegt, ob ich den Hinweis auf die neue Runde der Rezi-Mafia tatsächlich machen soll. Habe mich dann doch dafür entschieden - aber bitter ist es doch. Und so richtig befreit lachen, wie bei der Besprechung John Asht, kann ich nicht.

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  2. P.S. Der hatte alle Sympathien verspielt...

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  3. Tja, was soll man dazu sagen:
    http://www.literaturcafe.de/kuenftiger-hanser-verleger-jo-lendle-verlage-sind-schon-heute-nicht-mehr-noetig/

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  4. Vielen Dank für eure Postings.

    Der die Möglichkeit, als Autor selbst die Bücher zu velegen, sind im Internet-Zeitalter deutlich größer geworden - doch ob das wirklich nur von Vorteil ist, darf man bezweifeln. Das Problem ist ja auch, dass solche Blindgänger wie der oben Geschilderte denjenigen Autoren, die wirklich gut sind, das Image komplett verhageln.

    Ich kann gut nachvollziehen, dass man irgendwann als Rezensent keine Lust mehr auf Bücher aus diesen Quellen hat, wenn man sich an schaut, was (und vor allem wieviel) einem da angeboten wird.

    John Asht war letztes Jahr die absolute Krönung, weil er sich wirklich mit den Rezensenten angelegt hat. Er hatte sein Bashing wirklich verdient. Im aktuellen Fall habe ich eher den Eindruck, es wird auf einen Mann eingeprügelt, der ohnehin schon am Boden liegt. Ich bin mir aber sicher, dass irgendwann ein neuer "Asht" daherkommen wird.

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  5. Habt Ihr Euch mal angeschaut, was die Verkaufspreise bei united p.c. sind? Die sind so astronomisch hoch, dass es eienm scheint als wolle united p.c. keines jener Bücher verkaufen. Ich glaube united p.c. ist eine pure Abzockmaschine, die vor allem unerfahrene Autoren bis auf den letzten Cent ausnehmen wollen und fertig. Mal ganz davon abgesehen, dass der Autor vielleicht eine Rechtschreibschwäche hat, sind es auch die Kosten eines Lektorats und Korrekturats bei solchen Verlagen, die gerade einen jungen oder unerfahrenen Autor davor zurück schrecken lassen. Beispielsweise kostet ein Lektorat bei united p.c. gerne mal zwei bis dreitausend Euro, die natürlich der Autor zu bezahlen hat. Jede angebliche Mitnahme des Buches zu irgendwelchen Buchmessen kostet wenigstens 120 €. Da sind nach oben keine Grenzen. Sogar das Erstellen eines E-Book wird einem in Rechnung gestellt, obwohl man beispielsweise bei Neobooks.com das kostenlos bekommt. Und das alles, ohne dass auch nur ein Buch verkauft wurde! Gewiss! Alle Autoren fallen auf diese Verbrecher nicht herein, aber scheinbar immer noch genug, dass united p.c. offenbar genug Profit einstreicht, ohne dass sie auch nur ein Buch drucken müssen. Ach ja ein echtes Belegexemplar gibt es da auch nicht. united p.c. nennt das ein digitales Belegexemplar und ist nichts weiter als eine billige PDF-Datei. Eigentlich gehört dieser Verlag verboten. Aber wahrscheinlich sind deren AGB oder Verlagsverträge so raffiniert ausformuliert, dass man gegen diese Verbrecherbande keine Handhabe hat.

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  6. Mein erstes Buch mit Gedichten und Geschichten habe ich auch bei united pc. veröffentlicht, würde es aber kein zweites Mal tun. Ich habe nur das Korrektorat in Anspruch genommen, dass mich ca. 74,00 EUR kostete, also keine zwei bis dreitausend Euro. Allerdings musste ich mein Layout danach wieder in Ordnung bringen. Also hätte ich mir das auch sparen können, zumal nur ein kleiner Fehler zu korrigieren war. Ich würde auch nicht sagen, dass alle Bücher von united pc. "Schrott" wären. Das sage ich nicht nur, weil mein Buch dort gedruckt wurde, und ich von meinem Werk überzeugt bin, nein, dort findet man sicher auch sehr gute Literatur.
    Für mein zweites Buch habe ich inzwischen einen anderen Verlag gefunden, der kein Zuschussverlag ist.

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  7. Es wird leider immer wieder Neuautoren geben, die mit ihrem ersten Buch auf diesen Verlag hereinfallen, weil ihnen die Erfahrung fehlt, worauf sie bei der Entscheidung für einen Verlag achten müssen. Der Pferdefuß bei diesem Verlag liegt darin, das der Autor das vereinbarte Autorenhonorar nicht bekommt, und als Gerichtsstand für die Einklagung Österreich vereinbart ist. Ein deutscher Autor wird daher vor einer Klage zurückschrecken. Darauf baut der Verlag. Ich selbst bin mit meinem ersten Buch auch auf den united pc Verlag hereingefallen, und habe mich über den skrupellosen Umgang dieses Verlages mit den Autoren, Urheberrechtsverletzungen, Unterschlagung und Betrug so aufgeregt, dass ich jetzt nur noch meine Ruhe will.

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