Rezension: Humanemy 1 - Das Chamäleon (Lindenbatt-Records)


Das Independent-Label Lindenblatt-Records startete am 13. März 2013 den Hörspiel-Mehrteiler Humanemy, mit dem man erfreulicherweise nicht auf der allgegenwärtigen Jugenddetektiv- bzw. Gruselwelle mitsurft, die nach wie vor den Hörspielmainstream beherrscht. Stattdessen hat man sich für eine SF-Produktion entschieden, die auf die Themenkreise Dark Future und Cyberpunk entfällt. Ein sehr guter Grund, das Hörspiel einmal näher unter die Lupe zu nehmen.

Humanemy ist eine vierteilige Erzählung mit insgesamt viereinhalb Stunden Laufzeit, zu der Humanemy 1: Das Chamäleon den 65-minütigen Auftakt bildet. Die Story entsprang den Gehirnwindungen von Stefan Lindner und Johnny Wittermann und die beiden Autoren nennen als Vorbilder für ihr Hörspiel Gibsons Newromancer, Ridley Scotts Blade Runner oder auch die TV-Serie Max Headroom. Die Bourne-Romane und Mission: Impossible hätten sie noch hinzufügen können, denn beide Franchises haben ebenfalls deutliche Spuren im Plot hinterlassen.

Protagonist der Handlung ist der Agent Lennart, genannt Das Chamäleon. Dieser wird von seinen Vorgesetzten auf die Abschussliste gesetzt, als eine Mission eine unerwartete Wende nimmt und in einem Blutbad endet. Ohne Rückendeckung und ständig auf der Flucht vor den Häschern der Behörden will Lennart klären, in welches Komplott, ausgeheckt in den Zirkeln der Macht, er da hineingeraten ist.

Lindner und Wittermann halten sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern steigen direkt in die Handlung ein, wobei sie sogleich deutlich machen, dass ihre Geschichte sich an ein erwachsenes Publikum richtet, denn bereits in den ersten Minuten geht es in mehrfacher Hinsicht gleich ordentlich zur Sache. Im weiteren Verlauf treiben sie den Plot stringent und temporeich voran und bringen die etwas mehr als eine Stunde Laufzeit ohne nennenswerte Längen spannend über die Runden. Auf einen Erzähler wurde verzichtet – eine absolut legitime Strategie, die jedoch nicht ganz ohne Tücken ist, wie sich in diesem Hörspiel zeigt. Jegliche Informationen über Hintergründe, Zeiten und Orte müssen in die Dialoge integriert werden und zwar auf eine Weise, die nicht aufgesetzt sondern organisch wirkt. In Humanemy 1 funktioniert dies leider nicht so gut – was vor allem daran liegt, dass es diese Infos gar nicht gibt! Die Autoren haben ihre Story irgendwann und irgendwo angesiedelt, einen klaren Bezugsrahmen bietet man dem Publikum nicht an, was der Atmosphäre des Hörspiels abträglich ist. Die Namen Lennart, Schmidt und Björnson legen zwar nahe, dass der Plot in einer deutschen Großstadt spielt, doch Belege für diese Vermutung lassen sich nicht finden. Auch das Flair jener Metropolis, durch deren Straßen sich Lennart kämpfen muss, überträgt sich mangels einprägsamer Beschreibungen nur begrenzt – am aufschlussreichsten ist in dieser Hinsicht noch das sehenswerte Cover. In puncto Zeitangabe ist die Hörerschaft komplett aufgeschmissen und auch die Frage, für welche Organisation Lennart bis zu seiner Kaltstellung konkret gearbeitet hat, steht bislang unbeantwortet im Raum. Leider wurde nicht ausreichend berücksichtigt, dass Erzählungen (das Genre spielt keine Rolle) ihre Anziehungskraft nicht unerheblich aus einem griffigen und ansprechenden Setting beziehen. Fehlt dieses, geht ein Teil des Reizes durchaus verloren.

Die Charaktere sind abwechslungsreich und plastisch gestaltet, wobei innere Monologe Einblicke in das Seelenleben der Hauptfigur gewähren. Thomas Lindner spricht Lennart mit ruhiger und beherrschter Stimme und schafft so im Kopf des Hörers glaubwürdig das Bild eines Profi-Agenten, der auch in brenzligen Situationen den Überblick behält. Nicht weniger als 60 Sprecherinnen und Sprecher wirken an Humanemy mit – darunter bekannte Musiker wie Holly Loose als Kemal Aydin, Peter Henrici als SEK-Chef Björnon und Alex Wesselsky als Yamal. Die Autoren Stefan Lindner und Johnny Wittermann sind als Bones bzw. Center mit von der Partie und in einer kleinen Rolle ist darüber die aus dem Synchron bekannte Claudia Urbschat-Mingues zu hören, die auch regelmäßig Figuren in Hörspielen ihre Stimme leiht (sie ist z.B. Dr. Rebecca Levi in Mark Brandis). Der gesamte Cast leistet gute Arbeit und überzeugt durch viel Spielfreude und Engagement.

Der Soundtrack von Humanemy 1 stammt überwiegend von der Industrial-Band VorTex, entsprechend kühl und elektronisch fällt sie Musik für dieses Hörspiel aus, was hervorragend zum Thema der Story passt. Die situationsbezogenen Sounds und die Atmo-Effekte wurden gut ausgewählt, geben der Handlung einen geeigneten Rahmen und unterstützen die Szenen wirkungsvoll. An der Regie und der Abmischung ist wirklich nichts auszusetzen, denn beides bewegt sich auf hohem Niveau.


Will man Humanemy 1: Das Chamäleon abschließend bewerten, dann darf man nicht vergessen, dass es sich um das erste Kapitel einer größeren Geschichte handelt. Die Handlung steht erst noch am Anfang, weshalb die primäre Aufgabe eines ersten Teil darin besteht, die Grundlagen zu schaffen und das Publikum derart für die Story zu interessieren, dass es auch die Fortsetzungen hören möchte. Was die Grundlagen angeht, so hätte man wirklich mehr tun können, doch die Charaktere und der bisherige Verlauf der Geschichte sind spannend genug, dass man nach dem Anhören des Auftakts von Humanemy nun auch wissen will, wie der Plot weitergeht.

In diesem Sinne ist Lindenblatt-Records mit Humanemy 1: Das Chamäleon eine hörenswerte Produktion gelungen, deren Fortsetzung nicht lange auf sich warten lassen wird, denn die weiteren Teile sollen quartalsweise erscheinen. Ich freue mich drauf.

Humanemy 1 ist auf CD und als MP3-Download im eigenen Shop von Lindenblatt-Records erhältlich, zudem auch bei Amazon.



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