Rezension: Zombies in der Silvesternacht (Hoerspielprojekt)


Wenn ein Hörspiel den Titel Zombies in der Silvesternacht trägt, dann gibt es für seine Veröffentlichung eigentlich nur ein denkbares Datum: den 31. Dezember. Dies sah man auch Hoerspielprojekt so, entschied sich jedoch, es bereits einen Tag vor dem Letzten des Jahres 2012 ins Rennen schicken - sicherlich in der Überzeugung, dass zwischen Zombies und Fondue zwar gewisse Parallelen bestehen, die Mischung aber nicht unbedingt jedermanns Geschmack ist. Seitdem steht die Produktion auf der Website der Community zum legalen kostenlosen Download bereit.

Die Handlung ist im Jahre 1983 angesiedelt: Es ist die Zeit der Punks und der Popper, der Dauerwelle und der Föhnfrisur, der Leggins und der Jeans-Hemden. Und viele modische Absonderlichkeiten werden in diesem Jahrzehnt noch folgen. Eine Gruppe amerikanischer Teenager bricht am Silvesterabend auf der Suche nach Drogen in ein medizinisches Institut in Detroit ein und macht eine grauenhafte Entdeckung: Im Auftrag des Militärs wurden dort Experimente durchgeführt, welche Zombies hervorgebracht haben, die nun behäbig aber tödlich durch die dunklen Gänge der Einrichtung schlurfen. Schnell fällt der erste Teenie den Untoten zum Opfer. Doch dabei wird es nicht bleiben.

Als in den 1980ern der Videorecorder seinen Durchbruch schaffte, gehörten auch bald Videotheken zum gewohnten Straßenbild. Deren Kundschaft verlangte unablässig nach frischer Ware und da dieser Bedarf mit Produktionen aus den hochrangigen Hollywood-Studios nicht zu decken war, entstand in der Folge das Marktsegment der Direct-to-Video-Filme – Low-Budget-Produktionen, gedreht mit mit B- oder C-List Schauspielern, die in großer Zahl und unter hohem Zeitdruck heruntergekurbelt wurden. Ihre Macher orientierten sich dabei an aktuell populären Genres oder versuchten, als Trittbrettfahrer am Erfolg von Hollywood-Blockbustern zu partizipieren. Man wird Zombies in der Silvesternacht wohl am ehesten gerecht, indem man das Hörspiel als ein akustisches Äquivalent dieser Filme betrachtet, mit dem Autor Frank Hammerschmidt jener Ära der Film- und Kulturgeschichte Reverenz erweist.

Nimmt man diese Perspektive ein, dann ist es keine Überraschung, dass die Protagonisten lediglich klischeehafte Abziehbilder und die Dialoge zwar nicht sinn- aber doch weitgehend niveaufrei sind. Auch lässt es einen kalt, dass die Handlung derart erschreckend gradlinig angelegt wurde, dass nur derjenige für eine Zusammenfassung der Geschehnisse die Rückseite eines Bierdeckels benötigt, der über eine besonders große Handschrift verfügt. Dies alles sind Elemente, die kennzeichnend für jene Art von Streifen waren, welche Hammerschmidt als Vorbild dienten, und der Autor hat diese Charakteristika absichtsvoll und treffsicher in sein Hörspiel eingebracht. Wer seinerzeit dabei war, wird vieles von damals sicherlich wiedererkennen und darum seine Freude haben. Wenngleich von Punks, Poppern und dem Film Flashdance die Rede ist, hätten die Bezüge auf die damalige Epoche ruhig noch etwas stärker ausfallen können, denn im weiteren Verlauf spielt es kaum noch eine Rolle, wann die Handlung spielt. Leider erlebt man es in letzter Zeit häufiger, dass Autoren sich eine interessante Ära für ihre Storys suchen, aus dem Setting dann aber kaum etwas machen. 1983 regiert Ronald Reagan, die Aufrüstung läuft, die USA marschieren in Grenada ein, 214 Marines sterben bei einem Anschlag in Beirut und die Sowjets schießen ein koreanisches Verkehrsflugzeug ab. Politik mag für die Teens nicht sonderlich interessant sein, jedoch sicherlich die Tatsache, dass Michael Jacksons Album Thriller seit Monaten die Charts dominiert und alle Single-Auskopplungen sofort auf Platz 1 landen. Es ist übrigens auch das Jahr, in dem Metallica ihr Debütalbum veröffentlichen und Madonna ihren ersten Hit feiert. Etwas mehr Kolorit hätte sicherlich zum Flair des Hörspiels beigetragen.

Neben der tiefen Verbeugung vor den Billig-Filmen ihrer Zeit, lebt die Handlung vor allem von der Spielfreude der Besetzung. Christiane Marx und Paul Conrad verkörpern gelungen das Geschwisterpaar Sophia und Chris Cilenti, Chris' Freundin Deedee wird souverän von Jamie Leaves gesprochen. Als Melody ist die vielseitige Dagmar Bittner zu hören, während die Figur des Herb einem nicht zuletzt wegen dessen dreckig-irrer Lache im Gedächtnis bleibt, für die Andreas Hegewald seine Stimme zur Verfügung stellte. Die Rolle des Dr. van Weyden, des für solch eine Story unabdingbaren Mad Scientist, ging an Christian Michalak, der ebenfalls eine überzeugende Leistung abliefert. David Riedel, Falko Diekmann, Tim Gössler, Markus Haacke, Jessica von Haeseler, Dennis Trust, Ronald Martin Beyer, Sascha Kiss und Jens Ohrenblicker vervollständigen die Sprecherriege. Als Erzähler führt Marc Schülert durch die Handlung, die Credits liest Werner Wilkening. Der gesamte Cast ist mit vollem Einsatz bei der Sache und man merkt ihm den Spaß beim Einsprechen an.

Die Klangkulisse ist stimmig und die situativen Sounds wurden mit Gehör fürs Detail ausgewählt. Wolf Nilson war neben André Reichow und Sascha Kubath nicht nur für diesen Aspekt verantwortlich, sondern übernahm auch Schnitt und Regie. Experten werden vielleicht die eine oder andere Sache heraushören, die sich möglicherweise verbessern ließe, doch unterm Strich muss man Nilson attestieren, einen mehr als nur ordentlichen Job abgeliefert zu haben. Zudem hat er das Titellied von Zombies in der Silvesternacht selbst geschrieben und eingespielt. Dass Musik eigens für unkommerzielle Hörspiele komponiert wird, ist absolut nicht selbstverständlich und soll daher an dieser Stelle wirklich positiv hervorgehoben werden. Der Song und auch die übrige Musik passen ansonsten gut zum Stil dieser Produktion. Für das Cover zeichnet Herbert Ahnen verantwortlich und eines ist sicher: Im Regal einer Videothek wäre Zombies in der Silvesternacht den Kunden damals sicherlich aufgefallen und hätte nicht zuletzt wegen des markigen Hinweises "Nichts für schwache Nerven!" etliche Leute bestimmt zugreifen lassen. Zum Downloadpaket gehören neben dem Cover übrigens noch als Bonus die Outtakes, der Director's Cut einer Szene und der Soundtrack zum Hörspiel. So viel zusätzliches Material lässt man sich gerne gefallen.   


Sollte Zombies in der Silvesternacht bei Teilen der Hörer oder bei Rezensenten die Erwartungen nicht erfüllen, könnte es daran liegen, dass die Macher den Charakter ihres Hörspiels im Vorfeld nicht übermäßig deutlich gemacht haben. Auf der Website des Hoerspielprojekts findet man es unter der Rubrik "Grusel/Horror", was grundsätzlich stimmt, dem Werk aber nur teilweise gerecht wird. Hammerschmidt, Nilson und Co haben hier ein Hörspiel im Stile des Streifens Grindhouse von Rodriguez und Tarantino vorgelegt – keinen ernstgemeinten Beitrag zum Genre, sondern eine Reverenz an vergangene Zeiten. In diesem Sinne ist es eine wirklich hörenswerte Produktion, die man sich nicht nur am 31. Dezember eines jeden Jahres zu Gemüte führen kann.


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