Rezension: Wayne McLair 01 - Der Meisterdieb (Hoerspielprojekt)


Mit Wayne McLair 01 – Der Meisterdieb stellte das Hoerspielprojekt Ende November 2012 ein neues Hörspiel vor, welches zu einer Zeit spielt, als selbst das 20. Jahrhundert noch Science-Fiction war. Eine Ära, in der manches vielleicht einfacher, aber wahrscheinlich nicht unbedingt besser war. Auf jeden Fall gab es sie damals wie heute: Diebe.

Es ist das viktorianische Zeitalter, das als Leinwand für diese Geschichte dient, in der Autor Paul Burghardt von dem Weltenbummler Wayne McLair erzählt, welcher sich zum Meisterdieb seiner Epoche aufgeschwungen hat. Nach längerer Abstinenz kehrt er nach London zurück und nimmt die Unterweltgröße David D. Slypher, genannt Big Boss, ins Visier. Ohnehin bereits vermögend, hat dieser einen Plan ausgeheckt, der ihm binnen kurzer Zeit weitere Millionen einbringen soll. Doch er hat dabei nicht mit der Hartnäckigkeit und dem Einfallsreichtum von Wayne McLair gerechnet. Dieser muss allerdings selbst gehörig auf der Hut sein, denn der ehrgeizige Inspektor O'Neill von Scotland Yard ist ihm auf der Spur und möchte den Dieb, der am Tatort stets eine Visitenkarte zurücklässt, endgültig hinter Schloss und Riegel bringen.

Die Ära von Queen Viktoria erfreut sich bei Autoren schon lange großer Beliebtheit und hat von ihrem Reiz offenbar bis heute nichts eingebüßt, wie auch dieses Hörspiel belegt. Wayne McLair ist als Serie angelegt, weshalb es sich also bei dieser Produktion um die Pilotfolge handelt, die mit 78 Minuten Laufzeit erfreulich umfangreich ausgefallen ist. Einen Dieb zur Hauptfigur zu machen, ist sicherlich nicht ganz unproblematisch, denn dem Publikum fällt es mitunter schwer, sich mit einem Kriminellen zu identifizieren. In der Vergangenheit bedurfte es zumeist eines moralischen Gegengewichts, damit dieses gelang. Robin Hood bestahl die Reichen, verteilte seine Beute anschließend unter den Armen und Al Mundy setzte seine Fähigkeiten im Dienste der US-Regierung ein, um im kalten Krieg der Freiheit zum Sieg zu verhelfen. Wayne McLair klaut hingegen auf eigene Rechnung – eine Tatsache, die im Verlauf der Geschichte dadurch etwas in den Hintergrund gedrängt wird, dass er einen Verbrecher aufs Korn nimmt. Obwohl er dadurch seiner Ziehmutter aus der Klemme hilft, bleibt Wayne als Sympathieträger unterm Strich etwas fragwürdig.

Dies ändert aber nichts daran, dass hier ein abwechslungsreiches Hörspiel gelungen ist, das seine Hörer gut zu unterhalten weiß. Nach einer spannenden Vortitelsequenz wird die Handlung in angemessenem Tempo vorangetrieben, wobei genug Zeit bleibt, auf die Hintergründe der zentralen Figur einzugehen, bzw. Fährten für weitere Entwicklungen auszulegen, auf die in späteren Folgen Bezug genommen werden soll. Der Plot ist insgesamt wohldurchdacht, atmosphärisch gut aufgezogen und gibt Wayne mehrfach die Gelegenheit, seine Talente als Meisterdieb, zu denen auch die Kunst der Verkleidung gehört, unter Beweis zu stellen. Es ist nicht zu leugnen, dass Wayne ein gewiefter Typ ist, doch obwohl er sich für einen Meisterdieb so manchen Schnitzer leistet, kann er nicht zuletzt auch deshalb glänzen, weil seine Gegner es ihm vergleichsweise leicht machen.

Trotz des zweifellos hohen Unterhaltungsfaktors, stellt nämlich die Charakterisierung der Antagonisten (wenn man von Wayne als Protagonist sprechen will) ein Manko dieses Hörspiels dar. So wird Slypher als fieser Gangsterboss bezeichnet, wovon man in der Geschichte allerdings kaum etwas merkt. Gefährlich oder gar brutal wirkt er nicht gerade, sondern eher wie ein Möchtergern, was die Frage aufwirft, wie dieser Mann sich in der Unterwelt durchsetzen konnte. Ein anderes Beispiel ist der Leibwächter Quinn, bei dem es sich um den angeblich besten Kopfgeldjäger Londons handeln soll. Doch dieser verfehlt aus kurzer Distanz gleich mehrfach sein Ziel und stellt sich in einer anderen Szene dermaßen dumm an, dass es sich bei den anderen Kopfgeldjägern in der Stadt um Komplettausfälle handeln muss, wenn dieser Quinn von allen noch der Beste ist. Auch die Polizei muss Wayne eigentlich kaum fürchten, denn Inspektor O'Neill hat zwar ein Auge für Ungereimtheiten, doch die richtigen Schlussfolgerungen zieht er nicht. Darf er auch nicht, sonst wäre das Hörspiel bereits nach wenigen Minuten vorbei. Schade, dass die Gegenspieler nicht mehr zu bieten haben, denn ein Meisterdieb hat richtige Herausforderer verdient und nicht diese Pappkameraden.

Paul Burghardt hat bei Wayne McLair 01 – Der Meisterdieb die Hauptrolle selbst übernommen und transportiert den Charakter der Hauptfigur in all ihren Facetten gekonnt ans Ohr des Hörers. Auch die anderen Sprecherinnen und Sprecher, darunter Roman Ewert als O'Neill, Thomas Kramer als Quinn, Christoph Memmert als David D. Slypher und Tanja Niehoff als Isabelle Chevalier wissen zu überzeugen. Mit an Bord sind außerdem  Lily Riard, Jessica von Haeseler, Michael Gerdes, Marie Natusch und Felix Würgler als Erzähler. Hier wurde ein Cast von großer Qualität zusammengebracht, der die Geschichte über die gesamte Laufzeit zu tragen versteht und dem man darum gerne zuhört. Von Kevin McLeod stammt die Musik für dieses Hörspiel, die von der Stimmung her sehr schön zur Handlung und der Epoche passt, in der die Produktion spielt. Abgerundet wird die Klangkulisse, die insgesamt kaum Anlass zur Klage bietet, zudem durch zahlreiche und gut abgestimmte Soundeffekte. Gleichfalls hochwertig kommt der Schnitt daher, der ebenfalls in den Händen von Paul Burghardt lag.

Wayne McLair 01 – Der Meisterdieb besitzt jede Menge Potential, eine tolle Besetzung und wurde mit viel Liebe zum Detail unterhaltsam umgesetzt. Die Serie steht erst noch am Anfang und kann sicherlich in manchen Belangen noch zulegen, wobei außer Frage steht, dass eine gute Basis für spannende Fortsetzungen auf jeden Fall gelegt wurde.

Wer mit Wayne McLair auf Beutezug gehen möchte, kann sich das Hörspiel von der Website vom Hoerspielprojekt kostenfrei legal herunterladen.


Link: Website von Hoerspielprojekt

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