Rezension: Mein eigen Fleisch und Blut (Push My Belly)


Im Sommer diesen Jahres sorgte das junge Label Push My Belly, das sich kostenfreien Hörspielen abseits des Mainstreams verschrieben hat, mit der schwarzhumorigen Action-Komödie Centralia für einiges Aufsehen. Am 16. Dezember erscheint mit Mein eigen Fleisch und Blut die neue Produktion der Gegen-den-Strom-Schwimmer – eine Zombie-Geschichte, die man nach der Premiere von der Website des Labels herunterladen kann.

Bei nüchterner Betrachtung sind Zombies als Antagonisten in intelligenten Geschichten eigentlich denkbar ungeeignet. Sie ruckeln, sich in unterschiedlichen Stadien des körperlichen Verfalls befindend, dumpf und in rauen Mengen vom Trieb gesteuert durch die Straßen einer zusammengebrochenen Gesellschaft und sind dabei kaum mehr als eine Chiffre für einen so eindimensionalen wie gesichtslosen übermächtigen Feind, mit dem Verhandlungen nicht möglich sind. Deshalb muss bzw. darf er so rücksichtslos bekämpft werden wie er selbst vorgeht. Diese Konstruktion ist wie geschaffen dafür, dem Publikum Storys in Form von Schlachtplatten zu servieren, in deren Verlauf möglichst vielen Untoten effektvoll das Gehirn aus dem Schädel geschossen wird. Und nicht wenige Autoren sind in der Vergangenheit nach haargenau diesem Schema verfahren. Soll sich der Plot hingegen nicht in unappetitlichem Splatter erschöpfen, braucht eine solche Geschichte das, was alle guten Erzählungen brauchen: interessante Charaktere.

Das Hörspiel Mein eigen Fleisch und Blut von Hagen Voß und Franjo Franjkovic konzentriert sich vor dem Hintergrund einer nicht näher erläuterten Zombie-Apokalypse mit Richard, dessen Tochter Mary und der Fremden Liz, die zu Beginn der Handlung zu dem Duo stößt, auf gerade einmal drei Figuren. Richards Denken und Handeln wird vollständig von der Sorge um die Sicherheit seiner Tochter bestimmt, wobei der fortgesetzte Stress seiner Psyche immer größeren Schaden zufügt. Sein Misstrauen steigert sich hin bis zur Paranoia, und sein bevorzugtes Ziel ist dabei Liz, der gegenüber Richard auch vor entwürdigenden Prozeduren nicht zurückschreckt. Mary, ein Teenager von 15 Jahren, sitzt dabei zwischen den Stühlen, denn sie steht zwar in Liebe und Loyalität zu ihrem Vater, entwickelt gleichzeitig aber auch eine Sympathie für Liz. Diese hat selbst schon einiges hinter sich und hatte sich eher Unterstützung im Überlebenskampf erhofft, doch nun scheint ihr in Richard eher ein weiterer Feind zu erwachsen. Zur explosiven Situation trägt außerdem bei, dass das Trio in einem Haus festsitzt, um das herum sich die Untoten versammeln.

Die Fokussierung auf drei Charaktere ist eine der großen Stärken dieses Hörspiels, das von der Stimmung her zudem enorm davon profitiert, dass sich durch die weitgehende Beschränkung auf einen einzigen Handlungsort eine kammerspielartige Atmosphäre ergibt. Mit Bernd Vollbrecht (Richard), Anke Reitzenstein (Liz) und Luisa Wietzorek (Mary) konnte man erfahrene Stimmen von Format gewinnen, die ihre Rollen glaubwürdig und intensiv verkörpern. Unter der Regie von Christine Marx agieren alle drei mit großer Professionalität und beweisen damit eindrucksvoll, warum sie unter anderem im Synchron so gefragt sind. Genre-Fans kennen Bernd Vollbrecht als Stimme von Michael O'Hare (Commander Jeffrey Sinclair aus Babylon 5) und Anke Reitzenstein aus Star Trek: Voyager, denn sie war immer dann zu hören, wenn Jeri Ryan (Seven of Nine) dort den Mund aufmachte. Auch Luisa Wietzorek hat jede Menge Credits im Synchron vorzuweisen. Wirklich beachtlich, was hier vor dem Mikrophon für eine freie Produktion versammelt wurde.

Marc Schülert übernahm bei Mein eigen Fleisch und Blut die Regie sowie das Sounddesign. Die Abmischung ist professionell und braucht Vergleiche mit kommerziellen Hörspielen nicht zu scheuen. Die Sounds ergeben im Zusammenspiel mit der Musik von Tim Gössler eine Klangkulisse, die optimal auf die Handlung abgestimmt wurde. Gerade in Sachen Räumlichkeit wurde sehr sorgfältig gearbeitet, wodurch der Hörer in die Szenerie hineingezogen und jenes Kopfkino ermöglicht wird, wie man es mittlerweile von Produktionen erwarten darf, es aber immer noch nicht durchgängig geboten bekommt. Push My Belly zeigt sich auch mit diesem Hörspiel wieder technisch absolut auf der Höhe der Zeit. Von Wolfram Damerius stammt das Artwork für das Hörspiel. Es ist schlicht, aber dennoch von hoher Aussagekraft.

Push My Belly möchte Hörspiele abseits des Mainstreams präsentieren und mit dem Erstling Centralia gelang dies auch sehr gut, denn die Produktion war nicht nur für sein eigenes Medium ungewöhnlich, sondern auch im Vergleich zu derzeit gängigen Filmen oder Romanen. Nun liegen Zombies bekanntlich aktuell voll im Trend, weshalb es etwas verwundert, dass sich das junge Label ausgerechnet dieses Themas für sein zweites Hörspiel angenommen hat. Unterm Strich ist Mein eigen Fleisch und Blut um einiges konventioneller als sein Vorgänger, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich der Plot einer Reihe von Genre-Konventionen beugt. Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum einem manches beim Hören doch recht vertraut vorkommt. Womit das Hörspiel dieses Manko jedoch wieder ausgleicht, ist der Schluss. Der große Ray Bradbury hat einmal gesagt, dass ein mittelprächtiger Film mit einem grandiosen Finale als großartiger Film im Gedächtnis bleibe – eine Erkenntnis, die sich auch auf andere Medien übertragen lässt. Das vorliegende Hörspiel ist ein deutlicher Beleg dafür: Wenngleich Franjkovic und Voss manch ausgetretenen Pfand im Bezug auf ihre Geschichte hätten auslassen können, so verpassen sie ihr ein tolles Finale, das unerwartet wie ein Schlag von hinten kommt und das Hörspiel dadurch in eine andere Kategorie hebt. Gäbe es die letzten Minuten nicht, diese Produktion würde wohl kaum einen derart positiven Eindruck hinterlassen, wie er jetzt bleibt. Hier findet sich wieder jene Unberechenbarkeit, für die Push My Belly stehen möchte.


Auch die zweite Produktion von Push My Belly ist wieder ein gelungenes Hörspiel. Von Beginn an spannend und sehr atmosphärisch, vergehen die ca. 42 Minuten Spielzeit sehr schnell und wer als Hörspielfan zugleich eine Schwäche für Zombies hat, kommt um diese hochwertig besetzte und produzierte Geschichte eigentlich nicht herum. Doch auch gerade für jene, die dem Genre ferner stehen, ist Mein eigen Fleisch und Blut eine gute Gelegenheit, dorthin einen Abstecher zu machen – immerhin steht das Hörspiel nach seiner Premiere im Webradio am 16. Dezember 2012 (mehr Infos hier) auf der Website des Labels zum legalen kostenlosen Download bereit. Einfacher kann man an gute Hörspielunterhaltung nun wirklich nicht mehr kommen. 



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