Rezension: Cungerlan Folge 1: Die Geburt der Revolution (Erweiterte Neuausgabe/Ohrland Verlag)


Im Jahre 2009 startete der Ohrland Verlag die Hörspielserie Cungerlan, basierend auf Figuren und Geschichten von Jerry Marcs. Bereits nach wenigen Episoden entschloss sich Produzent Frank-Michael Rost zu einem für den kommerziellen Hörspielmarkt ungewöhnlichen Schritt: Er stoppte die Produktion, um ihr einen Neustart zu verpassen. Da ein paar kosmetische Reparaturen nicht ausreichen würden, um auf Seiten des Publikums ein solches Vorgehen rechtfertigen zu können, galt es, die erweiterte Neuausgabe zu einer definitiven Version von Jerry Marcs' Geschichte machen. Das Resultat der Anstrengungen aller Beteiligten kann sich absolut hören lassen.

Die Story von Cungerlan 1: Die Geburt der Revolution beginnt mit dem etwas zu klein geratenen Bor Toth, der sein unscheinbares Leben in einem unbedeutenden Hinterwäldlerdorf verbringt, bis eines Tages der verarmte Shrill-Itzu-Meister Kentoka dort aufkreuzt. Dieser erklärt Bor gegen seinen Willen zum Auserwählten und verwickelt ihn damit in den Freiheitskampf des Geheimbunds Serhildan gegen den grausamen Herrscher Erzeboon II., der mit Hilfe von Dr. Ponder Keen eine bewaffnete Luftfestung errichtet hat, die den freien Handel mit den überseeischen Kolonien unterbinden soll. Eine nie gekannte Zeit der Unterdrückung und Knechtschaft droht damit allen Völkern des Planeten Cungerlan. Doch bevor der Serhildan, angeführt von Manza Hothead, ihres Zeichens 123. Tochter von Erzeboon II., mit der Revolution beginnen kann, muss zuerst ein zahlungskräftiger Sponsor gefunden werden.

Die Hörspielserie Cungerlan ist eine ungewöhnliche Produktion - und dies in gleich mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, dass sie auf einem unveröffentlichten 1000-seitigen Manuskript des Autors Jerry Marcs basiert, dem Produzent Frank-Michael Rost eines frühen Morgens in London zufällig über dem Weg gelaufen ist, auch in puncto Genreauffassung, Erzählstil und Sounddesign ist sie bemerkenswert und setzt dabei durchaus neue Maßstäbe.

Cungerlan einzuordnen stellt eine gewisse Herausforderung dar, denn die Geschichte von Jerry Marcs kommt als ein Mix unterschiedlicher Genres daher: Science Fantasy wäre wohl eine treffende Bezeichnung für den Ansatz, den der Autor mit seiner Geschichte verfolgt, der für das deutsche Publikum vielleicht im ersten Moment etwas sperrig erscheint, denn hierzulande wurde lange an dem Grundsatz festgehalten, Genres so klar wie möglich voneinander abzugrenzen. In Marcs' Heimat Britannien sah man diese Dinge nie ganz so eng, nicht zuletzt verdankt der Dauerbrenner Doctor Who seine ungebrochene Popularität der Tatsache, dass er sich eine glasklaren Verortung immer geschickt entzogen hat. Cungerlan ist eine Welt, in der Magie und Technologie nebeneinander existieren, wobei der technische Fortschritt das Übersinnliche mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt hat. Vieles von dem, was Marcs hier an Maschinerie aufbietet, trägt deutliche Züge des Steampunk, wobei er auch Ausflüge in die Hard-SF in Form von Strahlenwaffen und High-Tech-Gleitern nicht scheut. Wer also wirklich ernsthaft versucht, ein Schema in diesen Mix zu bringen, dem wird schnell der Kopf rauchen: Cungerlan ist ein Planet, wo irgendwie alles geht. Dies muss man einfach akzeptieren und sich darauf einlassen.

Zum Stil von Marcs gehört es, seine Geschichte mit einem typisch britischen Humor zu durchziehen, der je nach Situation mal beißend oder ironisch daherkommt, vor allem aber mit Seitenhieben auf unsere moderne Gesellschaft nicht spart. Nicht nur der Serhildan ist auf der Suche nach einem Sponsor, sondern auch Erzeboon II. muss Investoren davon überzeugen, dass sie ihr Geld in seiner Luftfestung profitbringend angelegt haben. Viel Wortwitz und Situationskomik kennzeichnen die Abenteuer von Bor Toth und Co, wobei der Fortgang der Handlung nicht behindert wird. Marcs will nicht einfach lästern, sondern hat eine spannende und abwechslungsreiche Story zu erzählen, die von facettenreichen Figuren getragen wird. Diese schaffen es, den Hörer durch ihre Charakterisierung und liebenswerte Marotten schnell für sich zu erobern. Da sich die Geschichte am Anfang befindet, besteht die Aufgabe dieses Hörspiels naturgemäß darin, die Grundlagen für den weiteren Fortgang zu schaffen. Quälend langatmige Erklärungen sucht man allerdings vergeblich, nicht zuletzt, weil Marcs dem Erzähler nicht die klassische Rolle des Beobachters zuweist, sondern ihn zum handelnden Akteur macht. Eine clevere Idee. Trotz mancher Wortgefechte bleibt das Erzähltempo durchweg hoch, wodurch vom Hörer aber auch ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit gefordert wird. Wer nur nebenbei lauscht, dem wird sicher so manches entgehen.

Für die erweiterte Neuausgabe von Cungerlan 1: Die Geburt der Revolution hat Ohrland 100 Minuten zusätzliches Material aufgenommen – der Inhalt der ersten von 2 CDs mit einer Spielzeit von ca. 78 Minuten ist komplett neu. Dort wird der Ursprung der Charaktere Bor Toth und Kentoka enthüllt, auf den man bislang verzichten musste. Doch auch weitere Figuren besitzen nun wesentlich mehr Hintergrund, manche Szenen der Erstausgabe machen durch das, was nun an Story hinzugekommen ist, erst wirklich Sinn oder bekommen neues Gewicht. Zudem lernt der Hörer nun auch Bors Mutter Jana und seine Freundin Axxi kennen, und dass der Erzähler Teil der Handlung ist, wird erst jetzt richtig deutlich. Der Plot von CD 2 (ursprünglich die Folge 0) profitiert ebenfalls massiv von der Überarbeitung, denn hier wurden eine ganze Zahl von Szenen ergänzt und zusätzliche Erzählerparts eingefügt, welche die Handlung dynamischer gestalten. Betrachtet man sich den Umfang der inhaltlichen Erweiterungen und die so gesteigerte Komplexität der Geschichte, so kann man Produzent Frank-Michael Rost nur zustimmen, dass es sich bei dieser Neuausgabe eigentlich um ein komplett neues Hörspiel handelt. Die ursprüngliche Version wirkt im Vergleich dazu wie ein Fragment – was sie im Grunde auch war.

Bei der Besetzung des Casts hat sich Ohrland wahrlich nicht lumpen lassen, sondern mit Bernd Rumpf (Meister Kentoka), Jo Weil (Bor Thoth), Peer Augustinski (Dr. Ponder Keen) und Nicole Engeln (Manza Hothead) in den Hauptrollen eine Besetzung mit großer Erfahrung zusammengetrommelt. Außerdem sind Josef Tratnik als Erzz, Heiko Obermöller als Russel Lighthunter, Dustin Semmelrogge als Custer Deagan, Peter Nottmeier als Kommandant Lasfare, Roswita Dost als Bors Mutter Jana und Theresa Underberg als Axxi mit von der Partie. Alle Beteiligten zeichnen sich durch große Spielfreude aus und die Qualität des Sprecherensembles ist in jeder Szene deutlich hörbar. Den Soundtrack komponierte Robert Herrmann, der einen klassischen Score geschaffen hat, dessen Ernsthaftigkeit in einem interessanten Spannungsverhältnis zu dem Humor der Serie steht.

Einen komplett neuen Ansatz wählte Ohrland bei der Abmischung der Neuausgabe von Cungerlan, wobei gleichzeitig auf alte Tugenden zurückgegriffen wurde. Anstatt (wie man es bei der Erstausgabe getan hatte) auf möglichst große Kompression zu setzen, um eine weitgehend einheitliche Lautheit aller Tonsignale zu erreichen, senkte man den Durchschnittswert, um mehr Dynamik und Natürlichkeit des Klangs möglich zu machen. Als EDK (Extrem Dynamischer Klang) bezeichnet Ohrland dieses Konzept, wobei man sich an der Klangkulisse aktueller Kinofilme orientiert hat. Das Ergebnis ist verblüffend: Wie in der Realität werden Dialoge nun teilweise von lauteten Umgebungsgeräuschen überlagert, die Räumlichkeit des Klangs ist enorm und wenn es im Hörspiel mal ordentlich rummst oder scheppert, dann sitzt ein dermaßen hoher Druck dahinter, wie man ihn als Hörspielfan schon gar nicht mehr gewohnt ist. Da kann sich der Wettbewerb in Sachen Abmischung bei Ohrland eine gehörige Scheibe abschneiden und tut es hoffentlich auch, denn hier wurde ein neuer Maßstab gesetzt.

Abgerundet wird die Neuausgabe von Cungerlan 1: Die Geburt der Revolution durch ca. 28 Minuten Bonusmaterial. Darin berichtet Frank-Michael Rost über seine schicksalshafte Begegnung mit Jerry Marcs, die ihm dessen Manuskript zu Cungerlan einbrachte, und einen Auszug aus Cungerlan – Unplugged gibt es auch. Mit Jo Weil, Roswita Dost und Bernd Rumpf wurden kurze Interviews geführt. Im 24-seitigen Booklet kann man weitere Details zur Produktion erfahren oder im Lexikon den einen oder anderen Begriff aus der Serie noch einmal nachschlagen. Mit diesem Packaging unterstreicht Ohrland die Wertigkeit dieser Produktion und seinen Anspruch, Unterhaltung für ein erwachsenes Publikum bieten zu wollen.

Cungerlan bildet einen bewussten und erfreulichen Gegenpol zu den Heerscharen an Detektiv- und Gruselserien, die den Hörspielmarkt bevölkern, die Möglichkeiten des Mediums aber kaum zu nutzen verstehen oder gar den Versuch machen, diese zu erweitern. Die Serie ist für anspruchsvolle Hörer gedacht, die sich von Produktionen abseits der Norm gerne herausfordern und zum Mitdenken anregen lassen. Wer sich nun angesprochen fühlt, sollte den Trip zum Planeten Cungerlan nicht scheuen.



0 Kommentare: