Filmkritik: Marvel's The Avengers (Marvel Studios)


Mal ganz ehrlich: Wenn man als Filmfan aufbricht, um sich im Kino einen Blockbuster anzusehen, dann schwingt neben Vorfreude auch immer eine gehörige Portion Skepsis mit. Viel zu häufig hat man es in der letzten Zeit erleben müssen, wie sich gute Schauspieler durch müde Plots quälten, da die Filmemacher mehr auf die Wirkung der Effekte (gerade im Zeichen von 3D) als auf die Überzeugungskraft der Story setzten. Seit heute steht mit Marvel's The Avengers wieder ein cineastisches Großereignis auf dem Programm und zwar ein besonderes, auf das seit Iron Man im Jahre 2008 mit insgesamt vier gelungenen und erfolgreichen Comicverfilmungen hingearbeitet wurde. Keine Frage, dass dadurch die Erwartungen der Fans und Kinogänger besonders hoch sind und damit auch das Risiko, das Publikum unterm Strich zu enttäuschen.

Unterhielt man sich in den letzten Wochen mit Comicfans über ihre Erwartungen an Marvel's The Avengers, dann lief das Gespräch zumeist auf eine zentrale Frage hinaus: Kann es wirklich klappen, gleich sechs Superhelden in einem Film unterzubringen, ihnen allen gerecht zu werden und dabei eine gleichermaßen ansprechende wie actiongeladene Story zu erzählen? Nach dem Besuch des Films steht fest: Das geht wirklich. Und wie das geht.

In Marvel's The Avengers sieht sich die Welt einem übermächtigen Feind gegenüber, denn Loki, Bruder des Donnergottes Thor, ist angetreten, um sie sich Untertan zu machen. Als Reaktion darauf rekrutiert Nick Fury, Chef der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D., die Superhelden Captain America, Iron Man, Hulk, Hawkeye und Black Widow, damit diese sich als Team der Bedrohung entgegenstellen. Ihnen schließt sich auch noch Thor an. Eine atemlose Schlacht um die Zukunft der Erde nimmt ihren Lauf...  

Als Zuschauer sollte man sich rechtzeitig im Kinosaal einfinden, denn bereits in den ersten Minuten geht es ordentlich zur Sache. Zudem wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt klar, dass es eine große Stärke des Films ist, sich nicht großartig mit Vorreden aufhalten zu müssen, denn die Grundlagen von Marvel's The Avengers wurden in Iron Man 1 & 2, Thor und Captain America: The First Avenger gelegt. Wo andere Filme erst langwierig Charaktere und Locations etablieren müssen, wird in diesem Fall die Handlung konsequent vorangetrieben. Dies ist nicht zuletzt auch deshalb nötig, weil der Film im Grunde zwei Erzählstränge kennt, von denen sich einer um die Rekrutierung der Helden bzw. die Formung des Teams und der andere sich um den Kampf gegen Loki dreht. Das Skript schafft es ziemlich clever, beide Linien miteinander so zu verknüpfen, dass sie sich gegenseitig bedingen, beeinflussen und gemeinsam auf jenen großen Showdown hinsteuern, bei dem die Fans vor Begeisterung auf die Knie fallen würden, was nur deshalb nicht geht, weil der Actionbombast, unterstützt von tollem 3D, sie gerade mit voller Wucht in die Kinosessel drückt. Das Erzähltempo bleibt über die ganzen 142 Minuten hoch, denn dem Film liegt ein Spannungsbogen zugrunde, der den Zuschauer in die Handlung hineinzieht, ihn zielsicher von Höhepunkt zu Höhepunkt leitet, aber auch zwischendurch einmal durchatmen lässt. Dies tut auch Not, denn die Action ist ansonsten darauf ausgelegt, dem Publikum den Atem zu rauben. Die Macher wissen ganz genau, was sie den Comicfans schuldig sind und liefern hier Fights ab, die keinen Vergleich scheuen müssen. Immerhin treffen die mächtigsten Helden der Welt aufeinander und da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, dass es eine Schau ist. Insgesamt lässt man von den Effekten her, und davon gibt es naturgemäß sehr viele in Marvel's The Avengers, absolut nichts anbrennen. Die CGIs überzeugen auf ganzer Linie, auch in kniffeligen Szenen. Der 3D-Effekt unterstützt das Geschehen eindrucksvoll und ist dadurch nicht jener Selbstzweck, auf den er in anderen Filmen reduziert wird. Was die aufwändige Werbekampagne an rasanter und gut choreografierter Action versprochen hat, kann der Film problemlos einhalten.

Kritiker werfen Comicverfilmungen gern vor, eindimensional zu sein, doch Joss Whedon, der nicht nur die Regie übernahm, sondern auch das Drehbuch schrieb, hat durchaus etwas zu erzählen. Nämlich eine Geschichte über Menschen (und einen Gott), die eines verbindet: Einsamkeit. So zeichnet er das Bild des Supersoldaten Captain America, der sich nach seinem Kälteschlaf in einer Welt wiederfindet, in der er eigentlich keinen Platz oder eine Aufgabe hat. Tony Stark (Iron Man) hat eigentlich alles, was Mann sich nur wünschen kann, doch sein Genie isoliert ihn von den Menschen in seiner Umgebung, während Natasha Romanoff (Black Widow), von Schuldgefühlen gequält, sich sozialem Anschluss verweigert. Bruce Banner (Hulk) hingegen hat die Angst vor der Bestie, die er in sich entfesseln könnte, in den hintersten Winkel der Welt getrieben. Komplexe Charaktere, mit denen Joss Whedon hier arbeitet, dem es dadurch sogar quasi im Vorbeigehen gelingt, endlich eine überzeugende Version von Bruce Banner auf die Leinwand zu bringen. Dies schafften die beiden vorangegangenen Hulk-Filme nicht, obwohl sich sich nur auf eine Hauptfigur zu konzentrieren hatten. Respekt, Mister Whedon. Der große Strippenzieher hinter der Gründung des Superheldenteams The Avengers ist Nick Fury, Chef der Geheimorganisation S.H.I.E.L.D., über die man in diesem Film deutlich mehr erfährt als bislang bekannt war. Fury bringt die Individualisten zusammen, doch Whedon sorgt dafür, dass hinter dieser Rekrutierung neben dem offensichtlichen Anlass zusätzlich eine eigene Agenda steckt, die der einäugige Fury damit verfolgt. Vielschichtigkeit findet sich auch hier. Da Helden nur so strahlend sein können wie ihr Gegner mächtig ist, wird in diesem Film mit Loki ein Feind aufgeboten, dem mit normalen irdischen Mitteln wirklich nicht beizukommen ist. In Thor wurde Loki als Bruder des Donnergottes eingeführt, doch richtig aufblühen kann diese Figur erst jetzt, wo er seinem Drang nach Macht richtig freien Lauf lassen kann. Loki ist der Gott der Hinterlist und seinem Image wird er in diesem Film zur Genüge gerecht. Dieser Antagonist ist in keiner Hinsicht ein Leichtgewicht und die Helden haben alle Mühe, ihm etwas entgegenzusetzen, so dass es für die Zuschauer ein großer Spaß ist, diesem Kräftemessen mit durchaus unsicherem Ausgang beizuwohnen. Apropos Spaß, es gibt auch was zu Lachen in Marvel's The Avengers. Die Mischung aus Action, Dramatik und Humor war bereits das Markenzeichen der beiden Iron Man Filme, von Thor und auch Captain America: The First Avenger und man ihr auch in diesem Film dankenswerterweise treu.

Was die Besetzung der Hauptrollen angeht, so standen diese von vornherein größtenteils fest, denn Robert Downey Jr. ist wieder als Tony Stark (Iron Man) zu sehen, wie auch Chris Hemsworth erneut als Thor und Chris Evans als Steve Rogers (Captain America) mit von der Partie sind. Scarlett Johansson kennt man als Natasha Romanoff (Black Widow) bereits aus Iron Man 2 und Jeremy Renner gibt erneut den Bogenschützen Hawkeye, der seine Premiere in Thor erlebte. Die Charaktere Black Widow und Hawkeye profitieren deutlich durch Marvel's The Avengers, denn sie werden im Verlauf der Handlung nachhaltig vertieft und zu vielschichtigen Figuren ausgebaut. Samuel L. Jackson nimmt seine Rolle als Nick Fury wieder auf und darf sich endlich mal so richtig austoben, weil er nun erheblich mehr Screentime hat. Zudem zeigt Cobie Smulders, dass sie auch in anderen Rollen überzeugen kann und nicht nur auf ihren Part in der Sitcom How I Met Your Mother festgelegt ist. Tom Hiddelston machte als Loki schon in Thor eine gute Figur und knüpft daran mühelos an. Die große Entdeckung des Films ist aber Mark Ruffalo als Bruce Banner (Hulk). Er portraitiert den von Ängsten getrieben Wissenschaftler so überzeugend, dass man hier bereits nach einem Auftritt von einer definitiven Version dieser Figur sprechen muss. Dieser Dr. Banner ist kein Held. Er will keiner sein, will nur seine Ruhe und andere nicht gefährden, doch die Ereignisse zwingen sein Leben in eine andere Richtung. Es ist diese tiefe Traurigkeit in Ruffalos Augen, die seine Darstellung der Figur prägt, dem Publikum nachhaltig im Gedächtnis bleibt und die Vorgänger in dieser Rolle vergessen macht.


Marvel's The Avengers besticht nicht nur durch Action, Dramatik und Effekte, sondern auch dadurch, dass er seine Protagonisten als komplexe Menschen begreift, anstatt sie auf ihre Fähigkeiten und Kostüme zu reduzieren. Dadurch kann der Film mit einer ansprechenden und überzeugenden Handlung aufwarten, die ihn weit über die Gruppe der Comicfans hinaus attraktiv macht, nämlich für alle, die zwar einen Actionfilm sehen, aber ihr Gehirn nicht an der Garderobe abgeben wollen. Im deutschen Trailer sagt Nick Fury zu Loki, dieser habe ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht. Dort dürfte sich auch die Konkurrenz wiederfinden, wenn sie sich anschaut, was Marvel Studios mit Marvel's The Avengers gelungen ist: Superhelden-Kino der Spitzenklasse!

Marvel's The Avengers läuft ab jetzt in den deutschen Kinos.


Link 1: Offizielle Website zum Film
Link 2: Marvel's The Avengers bei Facebook

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