Rezension: Story Center 2010 (SFCD / p.machinery)


Mit AndroSF verfügt der Science Fiction Club Deutschland (SFCD) über eine eigene Buchreihe, die vom Verlag p.machinery betreut wird. Als zwölfter Band erschien im November letzten Jahres das Story Center 2010 als einbändige monothematische Anthologie. Auf ca. 350 Seiten versammelt dieses Buch insgesamt 19 Geschichten, die alle um das Thema Inzucht und die denkbare Gesellschaft kreisen. Sicherlich eine Thematik mit Potential für provokante Geschichten, doch wer sich auf solche eingestellt haben sollte, wird sie in diesem Buch jedoch nur selten finden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass manche Autoren sich um die Thematik dieser Geschichtensammlung in ihren Erzählungen elegant herumgedrückt haben.

So wartet Matthias Falke mit der Geschichte Das Zeit-Bran auf, in der es um einen Weltraumagenten geht, der eine Zeitreise unternimmt, um das Verschwinden eines Senators aufzuklären. Nach seiner Rückkehr in die Gegenwart landet er mit einer Frau im Bett, die sich als seine Tochter herausstellt, die er während eines Schäferstündchens in der Vergangenheit gezeugt hat. Die Story ist wirklich spannend und unterhaltsam, hat mit dem, um das es in dieser Anthologie gehen soll, aber eigentlich nichts zu tun. Ähnlich verhält es sich mit Familienbande von Galax Acheronian. Dort trifft die Crew eines Raumschiffs von der Erde auf eine Alienrasse, die in Stämmen organisiert ist. Jeder von ihnen lebt und reist in einem separaten riesigen Raumschiff. Als ein Stamm bei einem Zwischenfall seine Mutter verliert, die für die Fortpflanzung des Stammes von zentraler Bedeutung ist, verweigern die anderen Stämme ihre Hilfe, so dass der mutterlose Stamm zum Aussterben verdammt ist. Bienenvölker oder Ameisenstaaten dienten dem Autor als Inspiration bei der Konstruktion der außerirdischen Zivilisation und er schafft es absolut, ihre Gesellschaft interessant darzustellen. Obwohl die Aliens ansatzweise humanoid wirken, ist ihre Biologie, vor allem auch auf die Art der Fortpflanzung, so weit von der des Menschen entfernt, dass Begriffe wie Inzucht oder Inzest eigentlich nicht mehr ziehen bzw. ihre moralische Komponente einbüßen. Unterm Strich geht es in dieser Geschichte weniger um die Auseinandersetzung mit einem Tabu, sondern sie ist vielmehr ein Plädoyer für Toleranz gegenüber einer andersartigen Spezies. Als solche funktioniert sie wirklich gut, was sie sehr lesenswert macht.

Wesentlich dichter am Thema zeigen sich Neubeginn? von Marianne Labisch und Exest von Carmen Mayer. Beiden Geschichten ist gemein, dass sie von Gesellschaften handeln, in denen Heirat und Fortpflanzung innerhalb der eigenen Blutlinie die akzeptierte Normalität sind, während Beziehungen oder gar das Zeugen von Kindern mit Menschen aus anderen Familien das Tabu darstellen. In beiden Fällen versuchen zwei junge Erwachsene aus diesem moralischen Korsett auszubrechen. Während bei Labisch durch Toleranz und Ausgleich ein versöhnliches Ende zumindest möglich ist, zeichnet Mayer das Bild eines gnadenlosen Staates, der Abweichungen von der Norm nicht akzeptieren kann und mittels seiner Gesetzgebung die Abweichler zur Raison bringt. Exest bleibt dem Leser durch die schnörkellose Art der Erzählung und das kompromisslose Finale nachhaltig im Gedächtnis. Von Neubeginn? kann man dies hingegen leider nicht sagen.

Was bei der Lektüre durchaus ausfällt, ist, dass zahlreiche Autoren eine auf Inzucht aufbauende Gesellschaft zwar für denkbar aber nicht langfristig für überlebensfähig halten. So erklärt Frederic Brake in Stammensriten das Aussterben der Neandertaler mit ihrer Weigerung, ihren Genpool durch Vereinigungen mit Mitgliedern anderer Stämme zu erweitern. Jutta Schönberg geht in Die Außenseiterin einen vergleichbaren Weg, denn auch dort kann eine hochstehende Kultur nur dadurch ihr Überleben sichern, indem sie die Inzucht aufgibt, die allerdings auch für die Herausbildung paranormaler Fähigkeiten verantwortlich war, weshalb diese Öffnung nach außen von den Traditionalisten ablehnt und bekämpft wird. Die Geschichte lässt sich auch als Statement zur aktuellen Integrationsdebatte lesen, denn Inzucht ist hier nur der Aufhänger für eine Handlung, in der es im Kern um Toleranz und Chancengerechtigkeit geht. Ohne Perspektive sind die Menschen einer zukünftigen Gesellschaft in Alles ist gut von Friedhelm Rudolph, die sich Inzucht als einzigen Weg der Fortpflanzung haben indoktrinieren lassen und nun unter den dadurch verursachten Missbildungen leiden müssen. Ein allgegenwärtiger staatslenkender Konzern versorgt sie mit technischen Hilfsmitteln, kontrolliert dadurch aber jeden Aspekt ihren Lebens. Wer nicht entstellt ist und sich deshalb dem Zugriff des Konzerns entziehen kann, steht auf der Abschussliste. Die Grundidee scheint zunächst abwegig, doch denkt sie einen Prozess der Abhängigkeit des Menschen von Technologie weiter, der sich bereits in unserer Gegenwart abzeichnet, in der eine zunehmende Zahl von Menschen psychisch von Telekommunikation und Internet abhängig sind, weil sie immer erreichbar sein wollen. Rudolph erspart dem Leser in seiner Story jegliche Rührseligkeiten, was man dankbar zur Kenntnis nimmt. Ein spannender Beitrag zum Thema.

In Die Geächteten von Canopus 3 von C. J. Knittel ist ein Raumschiff mit Siedlern von der Erde vor mehreren hundert Jahren auf einem abgelegenen Planeten abgestützt, der nun von der Besatzung eines Sternenkreuzers besucht wird. Inzwischen gelten auf der Erde sehr strenge Gesetze zur Fortpflanzung. Daher spricht man den Nachfahren der Siedler, deren Existenz mit Inzucht erklärt wird, das Recht auf Leben ab und plant deren Exekution. Ein Arzt will dies verhindern. Als eine Robinsonade kommt Mark-Denis Leitners Erzählung Aufbruch der Gestrandeten daher, in der ein Astronaut zum Stammvater einer Zivilisation von Humanoiden, genannt KEMs, wird. Obwohl er sich immer noch in der Beschützerrolle für diese Wesen sieht, kommt der Punkt, an dem er sie ziehen lassen muss, damit sie eigene Erfahrungen machen und ihre Gesellschaft auf diese Weise auf die nächste Stufe bringen können. Beide Geschichten würden, leicht modifiziert, auch ohne Einbeziehung des Themas Inzucht funktionieren, das hier erneut kaum mehr als ein Aufhänger ist. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Autoren interessante und spannende Geschichten vorlegen. Kurzweilige Unterhaltung bieten auch Hochzeitstag von Elisabeth Meister und Danach von Vincent Voss. Letzterer surft gekonnt auf der aktuellen Zombiemania mit und verblüfft mit einem Finale, dass man nicht unbedingt so hat kommen sehen.

Dass es durchaus möglich ist, das Thema Inzucht und die denkbare Gesellschaft konsequent in eine Erzählung umzusetzen, beweist Arndt Waßmann in Die Kinder der Zukunft. Die Handlung spielt im 24. Jahhundert und der Leser begleitet eine junge Schülerin während ihres Unterrichts in mehreren Fächern. Anhand der Lehrinhalte wird dem Leser vermittelt, wie es zur Entstehung einer auf Inzucht basierenden Zivilisation kommen konnte, welche Probleme zu überwinden waren und wie sie sich das Leben in solch einer Gemeinschaft für das Individuum darstellt. Die Handlung wird nüchtern und ohne jede Form der Wertung erzählt, weshalb sie durchaus zum Nachdenken anregt. Abgesehen von Exest wurde in keiner anderen Story das Thema des Buches so adäquat entlang der Projektbeschreibung behandelt wie hier. Auf jeden Fall ein Highlight dieser Anthologie.


Ein Fazit zu einem Buch mit 19 zum Teil sehr unterschiedlichen Geschichten zu ziehen, ist naturgemäß nicht ganz leicht und es wird sehr auf die Erwartungshaltung des Lesers ankommen, wie er sich nach der Lektüre zu dieser Anthologie stellt. Inzucht ist ein heißes Eisen, zu heiß vielleicht für manche Autoren, die sich lieber darauf verlegt haben, dieses Thema in ihren Erzählungen nur zu streifen oder es als Motor für die Handlung einzusetzen, dabei aber stets auf der Hut waren, es nicht zum bestimmenden Element zu machen. Wie eingangs bereits gesagt: Provokante Plots sind bestenfalls die Ausnahme, was man durchaus kritisieren kann. Betrachtet man hingegen die einzelnen Geschichten abseits des Kontext der Anthologie, in der sie zum Abdruck kamen, so bieten sie in der Mehrzahl gute und abwechslungsreiche Unterhaltung und decken dabei ein breites Spektrum an Motivkreisen ab. Selbstverständlich ist so etwas ja nun auch nicht unbedingt und darum soll es an dieser Stelle auch in entsprechend lobend erwähnt werden.

Eine Kaufempfehlung ist das Story Center 2010 unter der Bedingung, dass man als Leser bereit ist zu akzeptieren, dass die Grundthematik des Buches von manchen Autoren zum Teil arg vernachlässigt oder zweitrangig behandelt wird, weil sie sich mit dem Thema Inzucht eher unwohl gefühlt haben. Dessen ungeachtet ist die Qualität der Beiträge aber größtenteils so hoch, dass über weite Strecken gute und kurzweilige SF-Lektüre geboten wird. Wer so etwas sucht, ist beim Story Center 2010 durchaus an der richtigen Adresse.


Die Fakten:

Titel: Story Center 2010 (Inzucht und die denkbare Gesellschaft) 
        Erschienen als Band 12 der Reihe AndroSF
Verlag: p.machinery für den SFCD
Herausgeber: Michael Haitel
Autoren: A. Waßmann, F. Brake, M. Labisch, J. Schönberg, M. Falke, H. Mossakowski,  M. E. Rehor, 
              A. Inkun, C. J. Knittel, M.-D. Leitner, C. Mayer, S. Lenz, C. Matthes u.a.
Umfang: 352 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2010
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978 3 942533 13 3

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