Rezension: Prototypen und andere Unwägbarkeiten (Begedia Verlag)


Die deutsche SF-Literaturlandschaft wäre um einiges ärmer, gäbe es nicht eine ganze Reihe von kleinen rührigen Verlagen, die sich dem Thema Science-Fiction nach wie vor mit großer Leidenschaft widmen. Zu diesen gehört auch der Begedia Verlag, wo kürzlich die Anthologie Prototypen und andere Unwägbarkeiten erschien. Auf 208 Seiten findet der Leser die Beiträge von 14 Autorinnen und Autoren (plus einer vom Herausgeber selbst), die alle um jene Hoffnungsträger kreisen, in welche ihre Erschaffer im Streben nach nach technischem und gesellschaftlichem Fortschritt viel Schweiß und Tränen investiert haben, ohne zu wissen, ob sich die Mühen am Ende wirklich ausgezahlt haben. Erfolg und Niederlage liegen dicht bei einander und nicht selten verändern die Prototypen das Leben ihrer Erschaffer und anderer, die mit ihnen in Berührung kommen.

Die Erzählung von Christian Endres trägt den Titel Das erste Orakel und der Protagonist hat sein ganzes Leben einzig der Aufgabe gewidmet, eben jenes zu finden, um sich von ihm die Antwort auf die wichtigste Frage seines Lebens geben zu lassen. Seine Suche hat ihn bereits die Familie gekostet und mehr als einmal befindet er sich in Lebensgefahr, doch am Ende wird er Erfolg haben. Die Antwort ist jedoch nicht jene, die er erwartet hat. Endres hat seinen Beitrag als eine Mischung aus Space Opera und Tomb Raider gelegt und der Mix geht auf, vor allem wegen des ironischen Finales, bei dem man sich als Leser ein Schmunzeln nicht verkneifen kann.

Wie gnaden- und bedenkenlos Machthaber und Wissenschaftler Menschen für ihre Ziele einsetzen, führen dem Leser gleich mehrere Autoren schonungslos vor Augen. So zum Beispiel Dirk Ganser in seiner Erzählung Das Leuchten in der Ferne, die mit einem post-apokalyptischen Setting aufwartet. Zentrale Figur ist Adam, der als Wächter eine Gegend durchstreift, die von einem katastrophalen technologischen Fehlschlag entstellt wurde. Dass er von den Mächtigen nur instrumentalisiert wird, ahnt er dabei nicht. Das Ende der Geschichte ist sehr bitter, aber auch konsequent und regt den Leser gerade deshalb zum Nachdenken an.

Auch Pax Vobiscum von Frederic Brake hat mit Feel-Good-SF nichts zu tun. Vielmehr geht es um eine Abrechnung mit Politikern und Wissenschaftlern, die Menschen zum Zwecke der Kriegführung „verbessern“ wollen. Ein junger Soldat, der immer noch an die Durchhalteparolen der Führung glaubt, trifft im Lazarett auf einen Proto, den ersten Soldaten, der technologisch aufgerüstet wurde. Dieser erzählt seine Lebens- und Leidensgeschichte und raubt seinem jungen Gegenüber mit und mit sämtliche Illusionen über den Krieg und die angeblich bald bevorstehen Triumph über den Gegner. Brake verweigert sich jedoch einem möglichen positiven Ausgang, sondern zeigt auf, was die Menschen dazu bewegt, selbst besseren Wissens immer weiter in den Krieg ziehen. Die Schilderungen des Kampfgeschehens und der Zustände im Lazarett sind recht drastisch, doch dies müssen sie sein, um jede Vorstellung eines etwaigen sauberen Krieges im Ansatz zu ersticken. Ein harter und schonungsloser Beitrag, der im Gedächtnis haften bleibt.

Menschliche Versuchskaninchen sind auch die Jugendlichen in Heidrum Jänichens Story Die Isolierbox, die gegen radioaktive Strahlung immun sind und deshalb vom Militär und ihm hörigen Wissenschaftlern in Einsätze geschickt werden, die für jeden anderen den sicheren Tod bedeuten würden. Doch die jungen Leute sind nicht so naiv, wie die Mächtigen glauben und planen die Flucht. Entkommen will auch der Android in Sven Klöppings Der Entwicklungsplanet, der erkennt, dass er in einem Testprogramm verheizt werden soll. Nach vielen Kämpfen scheint der Erfolg in greifbarer Nähe zu sein. Beide Geschichten können überzeugen, weil sie mit Charakteren aufwarten können, deren Antrieb für das Publikum nachvollziehbar ist, was die Figuren greifbar macht. Als Leser solidarisiert man sich schnell mit den Protagonisten, deren Situation man einfach nur als Unrecht empfinden kann. Zwei wirklich starke Beiträge zum Thema Prototypen.

Sich vor den Konsequenzen ihres Verhaltens drücken wollen sich eine Reihe von Wohlhabenden in Handlungsreisende von Thorsten Küper. Nachdem sie die Erde verseucht haben, wollen sie auf einem anderen Planeten einen Neustart machen, haben die Rechnung aber ohne eine Widerstandsgruppe gemacht, die dafür sorgt, dass die Reichen nicht ungeschoren davon kommen. Ein teilweise makaberer, aber stets lesenswerter Beitrag. Ebenfalls auf dem Weg aus unserem Sonnensystem befindet sich die Menschheit in Der Tag der Zikade von Lucas Edel. Die Geschichte handelt von dem gutmütigen Astronauten Joe Finrich, der allein auf einer Raumstation Dienst tut und vor dem großen Problem steht, dass er keinen findet, der ihn auf dem Weg in die neue Welt mitnehmen will. Die Lösung, die sich für Joe am Schluss eröffnet, kommt nicht ganz überraschend, passt aber sehr gut zur Geschichte.

Wenn es um technische Errungenschaften geht, dann darf natürlich das Thema Zeitmaschine nicht fehlen. Zwei Geschichten in diesem Buch befassen sich damit, nämlich Goldene Zeiten von Frank Lauenroth und Zeiten von Heinz Löbel. Erster schildert, wie sich für einen Berufskiller ganz neue Perspektiven eröffnen, als ihm ein neuartiges Gewehr in die Hände fällt. Jedoch kommt ihm ein Agent des FBI auf die Spur. Bei Löbel unternimmt ein Wissenschaftler eine Reise in die Zukunft. Schnell kommt ihm die Idee, ob er nicht auch die Vergangenheit nicht verändern könnte. Doch lässt sich die Zeit betrügen? Beide Geschichten machen sehr viel Spaß, denn sie sind kurzweilig, dabei gut durchdacht und repräsentieren eher die leichtere Kost in diesem Buch, womit sie einen schönen Kontrast zu anderen Beiträgen darstellen. In die gleiche Kategorie fallen auch Träumen Bossgegner von nackten Elfen? von Uwe Post und 300 PS intravenös von Niklas Peinecke. Bei Post vermischen sich die Online-Welt eines Spiels à la World of Warcraft mit einer Version von Second Life, was zu witzigen und teilweise absurden Situationen führt, während Peinecke einen neuen Weg präsentiert, Werbebotschaften an den Kunden zu bringen. Beide Storys sind gute Unterhaltung und überzeugen mit ihrem Einfallsreichtum.

Miriam Pharo macht sich den Spaß, ihre Leser zunächst auf die komplett falsche Fährte zu setzen, denn ihre Geschichte Der Junge kommt über weite Strecken als post-apokalyptische Erzählung daher, die eine Überlebende der Katastrophe langsam an ihrem Verstand zweifeln lässt. Auf den letzten Seiten kommt dann eine unerwartete Kehrtwendung, die das bisherige Geschehen in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Durchaus gekonnt umgesetzt von der Autorin. Nina Horvath hat sich zu einer Space Opera inspirieren lassen und ihre Protagonistin findet einen Weg, sich mit einer außerirdischen Spezies zu verständigen, die nicht verbal, sondern über Duftstoffe mit einander kommuniziert. Mit ihrer Erfindung, der titelgebenden Duftorgel, verändert die Hauptfigur aber auch die Kultur der Aliens. Wie Technik das Leben und die Einstellung der Menschen ändern kann, führt Merlin Thomas dem Publikum nachhaltig vor Augen, denn er schildert in Wunschkind, wie technischer Fortschritt Begehrlichkeiten und Ansprüche der Eltern teilweise bis ins Absurde steigen lässt.

Abgerundet wird der Band von Die Reise, einer Erzählung, welche Herausgeber Harald Giersche selbst beigesteuert hat. Die Handlung dreht sich um einen Mann, der die Liebe seines Lebens wiederfinden will und welche Unwägbarkeiten er dafür in Kauf nimmt. Die Story liest sich schön flüssig und kann mit einem gelungenen Twist aufwarten. Eine schöner Abschluss des sehr gelungenen Geschichtenreigens.

Auch optisch macht Protoypen und andere Unwägbarkeiten einiges her, denn für den Einband kam eine stimmungsvolle Illustration von Timo Kümmel zum Einsatz. Leicht erhaben wurden der Titel und auch der Klappentext auf dem Cover aufgebracht, was zusätzliche Wertigkeit verleiht. Ein Buch, welches man wirklich gern in Händen hält. Unerwähnt bleiben soll auch nicht Tatsache, dass Begedia das Buch zu einem erfreulich niedrigen Preis von nur 8,90 Euro anbietet.

Das Lektorat ist über weite Strecken sehr gut, wobei sich einzelne Fehler eingeschlichen haben, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Leider hat man sich bei der Formatierung teilweise zu sehr auf die automatische Silbertrennung verlassen, was manchmal zu unschönen Lücken zwischen einzelnen Wörtern führt. Einige von ihnen hätten sich bei manueller Nachkontrolle vermeiden lassen. Dass Fußnoten wirklich ans Ende einer Seite gehören und nicht zwischen zwei Absätze, versteht sich eigentlich von selbst. Dies sind aber Kleinigkeiten, die den positiven Gesamteindruck nicht schmälern können.


Prototypen und andere Unwägbarkeiten ist eine absolut überzeugende Anthologie, die wieder einmal vor Augen führt, welche Qualität Science-Fcition-Erzählungen deutschsprachiger Autorinnen und Autoren heutzutage besitzen. Auf den Leser warten 208 Seiten hochwertige Unterhaltung mit Anspruch, die man sich als SF-Fan nicht entgehen lassen sollte. 


Die Fakten:


Titel: Prototypen und andere Unwägbarkeiten 
        Phantastic Episodes 5
Verlag: Begedia
Herausgeber: Harald Giersche
Autoren: C. Endres, D. Ganser, S. Klöpping, M. Pharo, L. Edel, F. Lauenroth, T. Küper, H. Jänchen, 
              H. Löbel, F. Brake, N. Horvath, U. Post, N. Peinecke, M. Thomas, H. Giersche
Umfang: 208 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2011
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 978 3 981394603

Kommentare:

  1. Guten Tag.
    Zu: Pax Vobiscum von Frederic Brake.
    Daraus hat Frederic in Second Life, in meiner Freien Bibliothek Pegasus live gelesen. Sehr gut übrigens in Intonation, etc.
    Kann Deine Beurteilung nur voll bestätigen!
    Ad astra!
    BukTom Bloch
    aka
    Burkhard Tomm-Bub

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  2. Vielen Dank für das Feedback. Ich konnte die Lesung in SL leider seinerzeit nicht verfolgen, finde es aber toll, dass Du dort eine solche Möglichkeit geschaffen hast.

    Grüße,
    Watchman

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