Rezension: Die Seelentrinkerin - Band 3: Seelensüchtig (SFCD/ p.machinery)


Nach Brechende Seelen und Anima Migratio findet die Anthologie Die Seelentrinkerin, die der Verlag p.machinery im Rahmen der Reihe AndroSF des Science Fiction Club Deutschland (SFCD) herausgibt, mit dem Band Seelensüchtig ihren Abschluss. Auf 210 Seiten finden sich wieder sechs SF-Storys mit Horrorelementen bzw. Horrorstorys mit SF-Elementen, inspiriert von jenem Bild des Künstlers Jumpfish, das anschließend auch für die Coverillustration aller drei Teilbände genutzt wurde. 

Zum Einstieg mischt Christian Künne, der seit 2007 Kurzgeschichten veröffentlicht, für seine Erzählung Energielevel Elemente der SF mit jenen des Krimis und garniert das Ganze mit einer Prise Horror und Mystery. Seine Seelentrinkerin ist eine Übeltäterin wieder Willen, ein einsames und verunsichertes Wesen auf der Suche nach Vergebung, deren Schicksal den Leser durchaus berührt. Die ansprechende Handlung leidet allerdings darunter, dass der Autor seiner Leidenschaft für Ausflüge in die Gedankenwelt der Akteure zu sehr frönt, weshalb der Erzählfluss immer wieder ins Stocken kommt. Darum liest sich Energielevel nicht so flüssig, wie es der ansonsten recht gradlinige Plot es erwarten lassen würde. 

Christian Künne ist allerdings nicht der einzige Autor, der in seiner Geschichte Gesetzeshüter ermitteln lässt. Auch in Um deiner Selbst Willen von Sven Lenhardt sind es Polizisten, die im Zentrum des Geschehens stehen und die in das Bewusstsein eines Zeugen eintauchen müssen, um die Verantwortliche für eine bizarre Mordserie dingfest zu machen. Der SF-Aspekt ist hier zwar nur schmückendes Beiwerk und die Geschichte würde auch ohne dieses unverändert funktionieren, doch erhält die Story dadurch eine interessante Note. Dessen ungeachtet orientiert sich der Plot zu sehr an bekannten Vorbildern, um noch wirklich Neues bieten zu können, vor allem auch deshalb, weil Lenhardt, der schon ein Dutzend Veröffentlichungen vorzuweisen hat, die Handlung ohne überraschenden Wendung zu Ende bringt. 

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei und darum verwundert es nicht, dass es sich bei der Hauptfigur in Elisabeth Meisters Erzählung Die Straßenschläferin um einen weiblichen Cop namens Kera handelt, die von ihrer Dienststelle für eine verdeckte Operation abgestellt wird, welche unerwartete Folgen für die Protagonistin hat. Mit ca. 60 Seiten ist Die Straßenschläferin die umfangreichste Erzählung dieses Bandes und die Autorin, deren Kurzgeschichte Die Andere für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2009 nominiert wurde, nutzt den ihr zur Verfügung stehenden Raum in geeigneter Weise, um ihre Figuren und ihre Umwelt eingehend und anschaulich zu beschreiben. Es entwickelt sich ein spannender Plot, der allerdings überstürzt beendet wird und den Leser daher mit mehr Fragen als Antworten zurücklässt. Bei aller sonst vorhandenen erzählerischen Qualität wurde dadurch die Gelegenheit für eine rundum begeisternde Geschichte leider verpasst. 

Zu einer thematisch vollkommen anders gelagerten Story hat sich Frederic Brake inspirieren lassen. Seine Erzählung New Jersey ist Zombiehorror in Reinkultur und geizt weder mit düsterer Endzeitstimmung noch mit Gewalt, was man von Geschichten dieses Genres allerdings auch erwartet. Der Stil der Geschichte ist schnörkellos und zumeist plotorientiert, wobei immer noch Raum für Ausflüge in die Psyche der Akteure bleibt. Dem Aspekt der Seelentrinkerin widmet sich der Autor zwar erst ganz zum Schluss, nutzt diesen aber für ein packendes Finale, indem er den Leser zunächst absichtlich auf die falsche Fährte setzt, ehe die Story dann ihren bitteren Höhepunkt findet. Wer öfters Zombiegeschichten liest oder sieht, für den bietet New Jersey außer der Frage, wie die Seelentrinkerin in dieses Szenario passt, allerdings kaum Neues, denn die Klischees und Handlungschemata, die hier zur Anwendung kommen, sind hinlänglich bekannt. Davon abgesehen ist diese Geschichte ein erfreulicher Beitrag zu der Anthologie insgesamt und eine gern gesehene Abwechslung in diesem Band. 

Seelensüchtig ist das wirkliche Highlight des dritten Bandes dieser Geschichtensammlung. Der österreichische Autor Gernot Schatzdorfer präsentiert hier eine bemerkenswerte Space Opera, die sowohl stilistisch wie auch inhaltlich vollauf überzeugen kann. Während in vielen Geschichten die Figur der Seelentrinkerin durchweg negativ besetzt ist, legt Schatzdorfer sie ambivalent an, denn die Protagonistin ist erst Opfer, dann Täterin und zum Schluss in einer Beschützerrolle. Ihre Wandlung und die auftretenden inneren Konflikte sind sind dabei die zentralen Aspekte eines fein gewebten Handlungsfadens, der aus wechselnden Perspektiven geschildert wird. Der Autor wirft in seiner Geschichte darüber hinaus die reizvolle Frage auf, wann die Schwelle überschritten wird, an der man nicht mehr von künstlicher Intelligenz sprechen kann, sondern diese als selbstbestimmte Lebensform anerkennen muss. Die Antwort kann durchaus komplex sein und inspiriert dazu, sich seine eigenen Gedanken zu machen. 

Die Seelentrinkerin - Band 3: Seelensüchtig klingt mit der Story Serpentize aus, die über weite Strecken im Cyberspace spielt. Autor Stefan Goebels, als Mediengestalter mit dem Internet bestens vertraut, hat in diese Erzählung zudem seine Erfahrungen als Musiker eingebracht, bleibt jedoch die Erklärung schuldig, was er in seiner Geschichte eigentlich erzählen will. Die Hauptfigur lässt er durch digitale Spähren wandeln, ein richtiges Ziel gibt er allerdings nicht vor und auch ihre Motivation wird nur rudimentär erläutert. Die Handlung bleibt fragmentarisch und vermag es leider überhaupt nicht, den Leser für das Geschehen wirklich zu interessieren, denn notwendige Bezugspunkte fehlen nahezu gänzlich. Horror überkommt hier den Leser überhaupt nur dann, wenn er sich die Flut von Fachbegriffen aus der Computerwelt vor Augen hält, die hier über ihn hereinbricht. Zum Schluss und ebenfalls wenig überzeugend, bringt Goebels auch noch die Seelentrinkerin ins Spiel, doch an diesem Punkt ist es dem Publikum wahrscheinlich schon komplett egal, welche Rolle ihr der Autor zugedacht hat. Wirklich schade, dass der Schlusspunkt der Anthologie gerade mit dieser äußerst schwachen Geschichte gesetzt wird. 

Die sechs Geschichten, welche in Die Seelentrinkerin - Band 3: Seelensüchtig versammelt wurden, geben ein heterogenes Bild ab, da die Qualität der Beiträge zwischen hochkarätig (Seelensüchtig), grundsolide (New Jersey) und enttäuschend (Serpentize) schwankt. Nicht immer hat man den Eindruck, dass die Autoren die Vorgaben, insbesondere das Potential der Illustration von Jumpfish, für ihre Storys richtig zu nutzen wussten. Erfreulich ist, dass erneut unterschiedliche Teilgebiete der Science-Fiction abgedeckt wurden und die Erzählungen zusammengenommen eine abwechslungsreiche und überwiegend kurzweilige Lektüre bieten. Bei aller Kritik sei dem Leser daher auch dieser Band unterm Strich empfohlen, nicht zuletzt, um sich ein eigenes Bild zu machen.


Die Fakten:

Titel: Seelensüchtig (Die Seelentrinkerin – Band 3) 
        Erschienen als Band 14 der Reihe AndroSF
Verlag: p.machinery für den SFCD
Herausgeber: Michael Haitel
Autoren: F. Brake, S. Goebels, C. Künne, E. Meister, S. Lenhardt, G. Schatzdorfer
Umfang: 210 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2011
Preis: 13,90 Euro

ISBN: 978 3 942533 18 8


Link 1: Rezension von Band 1 
Link 2: Rezension von Band 2

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