Rezension: Die Seelentrinkerin - Band 1: Brechende Seelen (SFCD/ p.machinery)


Für den Science Fiction Club Deutschland (SFCD) publiziert der Verlag p.machinery seit einiger Zeit die Reihe AndroSF, in deren Rahmen in diesem Jahr die dreibändige Anthologie Die Seelentrinkerin erschien. Als Inspiration diente den Autorinnen und Autoren lediglich jenes Bild, das später für das Cover der Geschichtensammlung Verwendung fand (größere Version). Außerdem bestand die Anforderung, dass  es sich um SF-Storys mit Horrorelementen bzw. Horrorstorys mit SF-Elementen handeln sollte. Auf  226 Seiten versammelt der erste Band, welcher den Titel Brechende Seelen trägt, insgesamt sechs Geschichten von Matthias Falke, Carmen Matthes, Lucie Moenikes, Arndt Waßmann, Corinna Griesbach und Verena Freiwald, die inhaltlich und qualitativ zum Teil recht unterschiedlich ausfallen.

Die Ehre, den Geschichtenreigen zu eröffnen, hat dabei Matthias Falke. Der Stellung des Autors innerhalb der deutschen SF-Literaturszene, er schrieb bislang über 40 Bücher und gewann 2010 den Deutschen Science Fiction Preis für die beste Kurzgeschichte, wird man damit durchaus gerecht, jedoch gehört seine Erzählung nicht unbedingt zu den Highlights dieses Buches. Was Falke hier unter dem Titel Der Jahrmarkt am Ende der Zeit anbietet, ist ein Strudel von surrealen Szenen und Handlungsfragmenten, die sich konsequent räumlich und zeitlich entgrenzt geben und dabei logischen Maßstäben eine Absage erteilen. Falke schwelgt in sowohl großartigen wie auch absurden Bildern, lässt es dabei jedoch zu, dass seine Geschichte in einzelne Sequenzen zerfällt, die er auch zum Ende hin nicht wieder befriedigend zusammenführen kann. Die Geschichte ist sicherlich eine Herausforderung für den Leser, sprachlich durchaus von hohem Niveau, kann inhaltlich aber leider nicht überzeugen.

Was das Setting angeht, so gibt sich Der Seelenkasten von Carmen Matthes da schon wesentlich bodenständiger, denn die Autorin siedelt ihre Geschichte in einem deutschen Provinznest unserer Tage an. Die Handlung hat es jedoch in sich, denn es geht um die recht ungewöhnliche Beziehung zwischen einer notgelandeten weiblichen Außerirdischen und einem psychopathischen Serienkiller. Matthes beschreibt sehr detailreich den Umgang des Mörders mit seinen Opfern, was zu teilweise drastischen Szenen führt, die sicherlich nicht jedem gefallen werden. Sehr geschickt lenkt die Schriftstellerin, die erst Ende 2009 mit dem Schreiben anfing, ihr Publikum in eine ganz bestimmte Richtung und schürt gezielt beim Leser Abscheu gegenüber den handelnden Personen, um dann im Finale alles noch einmal auf den Kopf zu stellen. Eine sehr mutige, spannende und dabei kurzweilige Geschichte.

Lucie Moenikes hat sich zu einer Coming-of-Age Geschichte der etwas anderen Art inspirieren lassen und schildert in Die Seelentrinkerin, wie ein Mädchen nach dem Zurücklassen ihrer menschlichen Hülle von Aliens dazu ausgebildet wird, im Moment des Todes eines Menschen dessen Seele in sich aufzunehmen, sie anschließend zu reinigen und einen Teil davon wieder an die Welt zurückzugeben. Die Erzählung behandelt intensiv jene Ängste, Hoffnungen, Herausforderungen und Entscheidungen, die auf jeden Teenager in diesem Lebensabschnitt zukommen, gibt ihnen jedoch einen spannenden Rahmen und schafft es nachhaltig, dass man sich als Leser für das Schicksal der Hauptfigur interessiert. Teenager und SF gehen oftmals nicht besonders gut Hand in Hand, doch hier funktioniert die Mischung sehr gut.

Mit Der Kristall hält im Anschluss die Space Opera Einzug in den ersten Band der Anthologie. Arndt Waßmann schickt seine Hauptfigur zunächst in die Weiten des Alls, um dort einen wertvollen Kristall zu bergen. Zurück auf der Erde stellt sich jedoch heraus, dass weit mehr hinter der Sache steckt, als es zunächst den Anschein hatte. Diese Geschichte ist eine willkommene Abwechslung zu den anderen Beiträgen und stützt sich auf beide Elemente des Bildes, das den Autoren zur Inspiration vorgelegt wurde. Die Handlung wird zwar recht gradlinig erzählt, kann aber mit einer Protagonistin aufwarten, die zwar nicht unbedingt eine Heldin ist, dafür jedoch sehr viel Identifikationspotential besitzt. Bei aller Action gönnt sich die Geschichte auch ruhigere Momente, die gut genutzt werden, dem Leser Einblicke in die innere Verfasstheit der Hauptfigur zu gewähren. Insgesamt eine runde Sache, die Arndt Waßmann hier vorlegt.

Gerade einmal vier Seiten braucht Corinna Grießbach für ihre Kurzgeschichte Feenglas, die vor allem den Fehler hat, dass sie in keiner Hinsicht eine SF-Geschichte ist. Wirklich schade, dass der Schriftstellerin und Herausgeberin des Literaturmagazins Haller nicht mehr eingefallen ist als dieser Fantasy-Quickie, der von der Bildvorlage kaum inspiriert scheint. Es drängt sich die Frage auf, wie diese Geschichte es in die Anthologie schaffen konnte. Vielleicht war die Bekanntheit der Autorin ein Grund dafür.

Vom Umfang her den größten Raum nimmt die Geschichte der gerade einmal 21-Jährigen Verena Freiwald ein, denn fast 90 Seiten hat Herausgeber Michael Haitel für Brechende Seelen reserviert. Freiwald mag zwar noch jung sein, schreibt aber schon wie eine Große, denn ihr gelingt es mühelos, den Spannungsbogen die gesamte Zeit über zu halten. Die Hauptfigur namens Ane ist dabei ambivalent angelegt. Zunächst Opfer, wird sie anschließend zur Täterin, dabei stets von einem nachvollziehbaren Wunsch angetrieben. Wie man zu Ane und ihrem Vorgehen steht, kann man durchaus kontrovers diskutieren, worin auch der besondere Reiz der wohldurchdachten Story liegt, die abermals nicht ohne drastische Schilderungen von Gewalt auskommt, welche zart besaiteten Mitmenschen sicher auf den Magen schlagen könnten. Davon abgesehen, ist dies eine wirklich reife Leistung, die die junge Autorin abliefert, von der man in Zukunft hoffentlich noch weitere SF-Geschichten dieser Qualität zu lesen bekommt.


Die Seelentrinkerin Band 1 – Brechende Seelen ist ein Buch mit sehr viel Licht, aber auch etwas Schatten. Bemerkenswert ist, dass die Erzählungen von Newcomern wie Carmen Matthes oder Verena Freiwald absolut überzeugen können, während die Beiträge von bekannten Namen wie Matthias Falke oder Corinna Freiwald hingegen teilweise deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben. Der Klappentext ist etwas unglücklich formuliert, denn aus ihm geht die Projektanforderung nicht vollständig hervor, weshalb mancher Leser über den zuweilen hohen Gewaltanteil der Storys irritiert sein dürfte. Insgesamt wurde hier eine gelungene wie abwechslungsreiche Sammlung von Geschichten unterschiedlicher Stile veröffentlicht, die man gerne auch noch ein zweites Mal zur Hand nimmt.


Die Fakten:

Titel: Brechende Seelen (Die Seelentrinkerin – Band 1) 
        Erschienen als Band 9 der Reihe AndroSF
Verlag: p.machinery für den SFCD
Herausgeber: Michael Haitel
Autoren: M. Falke, C. Matthes, L. Moenikes, A. Waßmann, C. Griesbach und V. Freiwald
Umfang: 226 Seiten
Format: Taschenbuch
Erscheinungsjahr: 2011
Preis: 13,90 Euro

ISBN: 978 3 942533 16 4


Link 1: Rezension von Band 2
Link 2: Rezension von Band 3


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