Rezension: Mark Brandis - Bordbuch Delta VII (Interplanar)

Als der Herder Verlag den Autor Nikolai von Michalewsky im Jahre 1970 damit beauftragte, eine neue Space Opera zu kreieren, konnte wohl kaum jemand ahnen, dass dieser damit einen Klassiker der deutschsprachigen SF-Literatur schaffen würde: Mark Brandis. Insgesamt 31 Bücher erschienen zwischen 1970 und 1987, in denen der tapfere Pilot der Weltraumorganisation VEGA (Venus-Erde Gesellschaft f. Astronautik) zusammen mit seinen Begleitern spannende Abenteuer zwischen den Sternen erleben durfte. 

2007 nahmen sich Jochim-C. Redeker und Balthasar v. Weymarn vom Label Interplanar der legendären Figur Mark Brandis an und veröffentlichen seither die Romane Michalewskys als Hörspielproduktionen. Stolze 16 Episoden hat man bislang erfolgreich herausgebracht und weitere Folgen stehen bereits in den Startlöchern. Den Auftakt der Serie bildet die Adaption von Bordbuch Delta VII

Im 22. Jahrhundert bedroht der Putsch des Generals Gordon B. Smith aus Texas die Union Europas, Amerikas und Afrikas. Der deutsche Testpilot Mark Brandis fliegt den Prototypen Delta VII – ein Raumschiff, das mit einem revolutionär schnellen Antrieb ausgestattet ist. Er und die anderen Mitglieder der kleinen Mannschaft unter Commander Harris kehren nach wochenlangem Testflug in eine veränderte Welt zurück... (Klappentext) 

Die Welt von Mark Brandis ist kein Utopia. Zwar hat der technische Fortschritt es der Menschheit ermöglicht, das Weltall zu kolonisieren, doch sind Machtgier, Rassismus und Streitigkeiten zwischen den Völkern der Erde nicht überwunden. Im Gegenteil: Es herrscht wieder kalter Krieg, nun ausgetragen zwischen der Union (Amerika, Europa und Afrika) und den Republiken (Asien). Ressentiments und Argwohn gegenüber der anderen Seite sind an der Tagesordnung. Die Konsequenzen dieser geopolitischen Situation sind verheerend, wie bereits kurz nach der Machtübernahme durch General Smith deutlich wird. Denn dieser errichtet zügig eine Diktatur, die nicht zufällig an die dunkelste Stunde der deutschen Geschichte erinnert. Mark Brandis und seine Kollegen von der VEGA bekommen die Skrupellosigkeit der neuen Machthaber schnell zu spüren und Michalewski stellt die Protagonisten in Bordbuch Delta VII vor eine Entscheidung, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Sollen sie bequem in einer Diktatur leben oder ihr Leben riskieren, indem sie ihren Prinzipien treu bleiben und für die Freiheit kämpfen? 

Den Auftakt der Hörspielserie kann man nur als durchweg gelungen bezeichnen. Als Hörer wird man zwar direkt ins Geschehen geworfen, doch nach kurzer Eingewöhnungsphase lauscht man wie gebannt dem Fortgang der an Action nicht gerade armen Handlung, die zu jedem Moment so packend erzählt wird, dass man fast enttäuscht ist, wenn nach 62 Minuten "schon" der Abspann kommt. Das Hörspiel profitiert in seiner Wirkung enorm davon, dass es in Mark Brandis nicht so sehr um die Technik der Zukunft geht, sondern um die Personen und ihre Reaktionen auf die Veränderungen im politischen System, denen sie sich unvermittelt gegenüber sehen. Das Publikum erhält dabei eingehend Zugang zur Gedankenwelt der Titelfigur, der weniger ein strahlender Held amerikanischer Prägung ist, sondern ein nachdenklicher, durchaus zuweilen von Selbstzweifeln geplagter Mensch. Auch die anderen Figuren dieser Geschichte sind keine moralisch höherstehenden Wesen, wie man sie aus manchen SF-Fernsehserien kennt, sondern Menschen mit Vorstellungen und Grundsätzen, wie sie man sie auch heute antrifft. Dies erleichtert es enorm, sich als Hörer mit den Charakteren zu identifizieren und überhaupt an ihrem Schicksal Anteil zu nehmen. 

Michael Lott spricht Mark Brandis mit großer Überzeugungskraft und bildet damit die Speerspitze eines sehr guten Casts, zu dem darüber hinaus noch Martin Wehrmann, Gerhart Hinze, Rainer Schmitt, Norbert Langer, Dorothea Anna Hagena u.a . gehören. Bei der Auswahl der Sprecherinnen und Sprecher hatte man wirklich eine gute Hand, denn man nimmt ihren uneingeschränkt die Figuren ab, denen sie ihre Stimmen leihen.

Womit Bordbuch Delta VII die Konkurrenz absolut in den Schatten stellt, ist das Sounddesign der Produktion, für das Jochim-C. Redeker verantwortlich zeichnet. Hier stimmt einfach alles und zusammen mit dem sehr schönen Soundtrack wird ein Klangteppich ausgebreitet, von dem man als Hörspielfan nur begeistert sein kann. Hier dröhnen die Triebwerke der Raumschiffe richtig kraftvoll und wenn die Figuren der Geschichte durch einen Raum gehen, glaubt man, sie kämen direkt an einem vorbei. Als Hörer ist man nicht entfernter Beobachter, sondern  direkt in der Handlung. Verdientermaßen wurde die Serie bereits mehrfach für ihr Sounddesign ausgezeichnet. Was hier geleistet wurde, besitzt wirklich Referenzcharakter. Abgerundet wird das Gesamtpaket durch ein stimmungsvolles Cover und ein Booklet, das Informationen über die Hauptcharaktere und den Autor Nikolai v. Michalewsky enthält. 

Mark Brandis – Bordbuch Delta VII reflektiert die politischen Verhältnisse seiner Entstehungszeit und warnt vor einer Wiederholung der Vergangenheit, jedoch ohne dabei belehrend zu sein. Stattdessen werden auch heute noch relevante Themen im Gewand einer spannenden SF-Story erzählt, die mit viel Action, greifbaren Charakteren und überzeugenden Effekten aufwarten kann. Selbst jene, die zuvor noch nie mit Mark Brandis in Berührung gekommen sind, können dieses Hörspiel uneingeschränkt genießen, denn es ist keinerlei Vorwissen erforderlich.

Wer beim Thema Science-Fiction Hörspiele mitreden will, kommt an Mark Brandis – Bordbuch Delta VII nicht vorbei.


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