Rezension: Der erste Schnee (Hoerspielprojekt)

Das Medium Hörspiel befindet sich schon seit einiger Zeit in einer wenig beneidenswerten Situation. Nicht genug, dass es seit Beginn der 1990er Jahre durch eine stetig wachsende Zahl an TV-Sendern und den boomenden Video bzw. DVD-Markt bedrängt wurde, so ist inzwischen mit dem Hörbuch ein weiterer Konkurrent hinzugekommen, der Hörspielproduktionen mehr und mehr zu verdrängen scheint. Vom Internet als Herausforderung für alle vorher etablierten Formen der Unterhaltung ganz zu schweigen.
Die Beobachtung ist sicher nicht falsch, dass die Verlage für kommerzielle Produktionen auf diese Situation in der letzten Zeit mit technisch zumeist sehr gut ausgeführten Hörspielen reagiert und sich dabei bekannter Sprecher bedient haben, vom erzählerischen Standpunkt her oftmals nur wenig Herausforderndes zu bieten hatten. Der Unterhaltungswert ist zuweilen recht hoch, überstrapaziert wird die Vorstellungskraft des Hörers hingegen selten. Auch die ungeteilte Aufmerksamkeit des Hörers muss nicht immer gegeben sein, um den recht gradlinig gestrickten Erzählungen folgen zu können. Je nach Standpunkt, kann man diese Vorgehensweise als eine perfekte Überlebensstrategie oder als Einknicken vor dem von schneller Konsumierbarkeit geprägten Mainstream interpretieren.
Dass Hörspiele, zumindest solche, die sich nicht sich am Markt rentieren müssen, durchaus mehr leisten können als Audio-Fastfood, beweist die Produktion Der erste Schnee von Franjo Franjkovic, die am 1. Dezember 2010 im ihre Premiere feierte und seitdem auf der Website von Hoerspielprojekt zum kostenlosen Download zur Verfügung steht. 
Ins Zentrum seiner Erzählung stellt Franjkovic, der zuvor schon für die Hörspielserie Hellboy als Autor tätig war, Erin und Isaac Beckley. Die beiden verheirateten Wissenschaftler führen zusammen mit dem Astronauten-Ehepaar Bryan und Lisa Santiago auf einem entlegenen Planeten eine mehrjährige Forschungsmission durch. Als eine Extremsituation eintritt, auf die kein Training sie vorbereit hat, stellt sich für die Mitglieder der Expedition die Frage: Was bist Du bereit zu tun?
Was auf den ersten Blick vielleicht als bekanntes Katastrophenszenario erscheint, ist vielmehr eine intime Auseinandersetzung mit den Triebkräften des Menschen und zentralen Fragen seiner Existenz wie Leben, Tod, Gemeinschaft und Einsamkeit. Emotion und Rationalität stehen hier in einem Spannungsverhältnis, das packend die Abgründe der menschlichen Seele offenbart.
Ist die Thematik schon anspruchsvoll, so wird sie in Der erste Schnee mit einer Erzählweise gepaart, in der lineare Elemente mit Flashbacks und multiplen Perspektiven kombiniert werden. Teilweise werden sogar Monologe absichtsvoll ineinander verschränkt, was die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Hörers fordert. Ordnende Strukturen wie Gut oder Böse gibt es nicht, sondern nur Menschen, die an dem zu zerbrechen drohen, was das Schicksal ihnen angetan hat oder die Umstände von ihnen fordern. Obwohl die Handlung in der Zukunft spielt, arbeitet Franjkovic bewusst mit einem gegenwärtigen Menschenbild, was dem Identifikationspotential der Charaktere absolut zugute kommt und die Beweggründe der Figuren zutiefst nachvollziehbar macht. Bis zum Schluss ist völlig offen, wie die Geschichte wohl ausgehen wird und es wäre nicht verwunderlich, wenn sich intensive Diskussionen über den Ausgang der Handlung ergeben würden, denn einfache Antworten sucht man auch hier dankenswerter Weise vergebens.
Für die Besetzung des Hörspiels konnte man sich die Beteiligung hochrangiger Sprecherinnen und Sprecher sichern. Mit Karen Schulz-Vobach, Robert Frank, Jennifer Tuttlies, Dirk Hardegen, Markus Raab und Jennifer Spiekermann wurde ein Ensemble von großer Erfahrung und Qualität versammelt, von dem viel gefordert wird, das sich aber beim Autor für die Gelegenheit, in einer solchen Produktion dabei sein dürfen, zu jeder Zeit und Situation mit überzeugender Leistung bedankt und dabei alle Facetten seines Könnens abruft.
Seine Fertigkeiten wusste auch Marc Schülert einzusetzen, der in gleich drei Bereichen tätig werden musste: Als Regisseur, Cutter und Musiker. Auch er zeigt sich der Herausforderung durchaus gewachsen, denn es gelingt ihm durch gezielt eingesetzte Soundeffekte beim Hörer den Eindruck zu erwecken, wirklich Zeuge der Handlung zu sein. Die maßvoll verwendete Musik wird dabei stets die Geschichte optimal unterstützend eingebracht. Bedingt durch die Erzählstruktur war Schülert natürlich als Cutter besonders gefordert, leistet sich auch in dieser Hinsicht keine Fehler und kann somit stolz auf seinen Beitrag zu diesem Hörspiel zurückblicken.
Der erste Schnee ist eine ungewöhnliche Produktion, die vom Erzählstil beeindruckt und deren Geschichte überzeugen kann. Sie nutzt dabei alle Freiheiten, die eine Veröffentlichung als non-profit Hörspiel den Machern bietet. Leider sind solche Hörspiele derzeit zumeist auf den unkommerziellen Bereich beschränkt, denn gewinnorientierten Verlage fällt es recht schwer, für anspruchsvolle Produktionen ein ausreichend großes kaufbereites Publikum zu finden.
Der Hörer hingegen kann sich freuen, dass Der erste Schnee bei hoerspielprojekt erscheint, denn so kommt er kostenlos in den Genuss eines tollen Hörspiels, dass es in dieser Form ansonsten nie gegeben hätte. Wer sich gerne auch einmal von einer Geschichte herausfordern und zum Nachdenken anregen lässt, dem sei diese Produktion wärmstens empfohlen.

Kommentare:

  1. Hört sich gar nicht mal schlecht an. Vielen Dank für die Rezi, ich hätte das Hörspiel sonst nie entdeckt.

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  2. Es freut mich, dass ich dich durch die Rezi auf das Hörspiel aufmerksam machen konnte.

    Leider sind die kostenlosen Produktionen den meisten Hörern und SF-Fans immer noch unbekannt, weil sie eben nicht wie die kommerziellen Hörspiele beworben werden.

    Darum stelle ich sie hier gerne vor.

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