Rezension: Krone der Schöpfung (Hörspiel von Marctropolis)

Der Markt für Erwachsenenhörspiele in Deutschland tritt schon seit Jahren auf der Stelle und gerade kleinen kommerziellen Labeln fällt es immer schwerer, ihre Produktionen an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Ungeachtet der zumeist sehr hohen Qualität der Hörspiele hängt das wirtschaftliche Überleben oftmals am seidenen Faden. Wenn dann nur eine einzelne gewinnträchtige Serie schwächelt, kann dies bereits das Aus bedeuten, wie der Niedergang von Lausch verdeutlicht, das seine Produktionen für Erwachsene inzwischen aufgeben musste.

Jedoch sendet die Branche auch positive Signale. So lancierte das Label Marctropolis, das Hörspielliebhabern durch seine Serie Feeder bekannt ist, kürzlich die neue Reihe Utopia – Geschichten aus der Zukunft, welche speziell Science-Fiction-Hörspielen vorbehalten ist. Der ansprechende Erstling Krone der Schöpfung mit einer Laufzeit von ca. 63 Minuten wurde am 28. März diesen Jahres veröffentlicht.

Asche und Staub. Mehr nicht. Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Tod und Vergessen haben ihren Mantel über die Anfänge jenes Krieges ausgebreitet, der das Antlitz der Erde vernarbte. Im Widerschein unzähliger nuklearer Flammensäulen zersplitterte das Erbe der Menschheit und verdunkelte den Himmel.

Das Leben, das der Verendung bislang trotzte, verkriecht sich oder zieht ziellos und auf der Suche nach Existenz umher, zehrt von den Resten einer untergegangenen Zeit. Menschen wurden Nomaden oder suchten Schutz in Siedlungen, Ciudas genannt, um die Prüfung Gottes zu bestehen. Denn der Herr, so sagt die Neue Schrift der Prediger, sandte die Große Plage als Strafe für die Frevel des schöpfenden Menschen und raffte die verdorbene Welt der Sünder hinweg (Pressetext).

Krone der Schöpfung stammt aus der Feder von Daniel Scolaris, der damit seinen Einstand als Hörspielautor gibt. Als unerfahren kann man ihn jedoch nicht bezeichnen, denn seit immerhin über 12 Jahren ist er Autor des Science-Fiction-Rollenspiels Nova. Hier legt er nun eine Geschichte vor, die sich am Besten als SF-Endzeit-Hörspiel beschreiben lässt. In das Zentrum der Handlung stellt er dabei Noa, den charismatischen Anführer einer Gruppe von Pilgern, die sich auf der Suche nach einem sagenumwobenen Portal befindet, das Erlösung von den Plagen verheißt, die der Nuklearkrieg mit sich gebracht hat. Noa verdankt seine Stellung innerhalb der Gruppe der Tatsache, dass angeblich Gott selbst ihm in einer Vision den Weg zu diesem gelobten Ort gewiesen hat. Jedoch lassen Hunger, Durst und die ständigen Angriffe durch mutierte Insekten unter den Pilgern immer wieder Zweifel darüber aufkommen, ob man sich wirklich auf dem rechten Weg befindet. Als man eine Frau namens Eve aus der Hand ihrer Entführer befreit, verkompliziert sich die Situation zusätzlich. Darüber hinaus existieren sehr einflussreiche Kreise, die ebenfalls in Erfahrung bringen möchten, wo sich das ominöse Portal befindet. Und diese gehen für ihre Ziele bedenkenlos auch über Leichen.

 Krone der Schöpfung kann als Einstieg in eine mehrteilige Geschichte durchaus überzeugen, denn die Handlung wird entschlossen vorangetrieben und leistet sich keine Durchhänger. Die Charaktere sind interessant gestaltet und die beklemmende Atmosphäre einer Welt, die im wahrsten Sinne des Wortes verwüstet wurde, kann das Hörspiel für den Hörer greifbar vermitteln. Natürlich muss man eine gewisse Affinität für Endzeitgeschichten haben, um der Handlung etwas abgewinnen zu können, denn Feel-Good-SF sucht man hier vergebens. Die Produktion spart nicht mit gut inszenierter Action und die mutierten Rieseninsekten und anderes Getier bringen ein zusätzliches Horrorelement in die Handlung ein, was dieser nachhaltig zugute kommt. Da werden Erinnerungen an Filme wie Formicula u.a. aus den 1950er Jahren wach. Klasse.

Die Riege der versammelten Sprecherinnen und Sprecher kann man nur als hochklassig bezeichnen. Mit Christian Rode, Detlef Bierstedt, Bodo Wolf, Martin Sabel, Karen Schulz Vobach, Heinz-Dieter Vonau und Sven Matthias wurden bekannte Stimmen verpflichtet, denen man eine absolut untadelige Leistung bescheinigen muss. Ihnen gelingt es problemlos, die Figuren der Geschichte vor dem inneren Auge des Hörers lebendig werden zu lassen und deren Ängste und Hoffnungen glaubhaft zu vermitteln.

Einen großen Anteil an der Wirkung des Hörspiels hat auch der Soundtrack von Dennis Schuster. Manchmal nimmt man ihr gar nicht richtig war, was immer ein gutes Zeichen ist, denn die Musik sollte sich niemals in den Vordergrund drängen, sondern immer zur Stelle sein, um die jeweiligen Szenen optimal zu unterstützen. Hier gelingt dies prima. Auch die Soundeffekte und atmosphärischen Geräusche wurden gut gewählt und stimmig eingesetzt.

Ist Krone der Schöpfung also ein Überflieger in Sachen Endzeit-SF-Hörspiel? Fast wäre ich bereit dies zu bejahen, kämen viele Anspielungen nicht derart offensichtlich mit dem Holzhammer daher, dass ich mir jetzt noch Splitter aus dem Kopf ziehe. Klar, die Prämisse der Handlung besteht darin, dass die christliche Religion in abgewandelter Form den nuklearen Overkill überlebt hat, doch musste Daniel Scolaris die Heilige Schrift derart offensichtlich plündern? 
Dies fängt schon bei den Pilgern an, die auf Namen wie Noa, Simon, Cayn, Maria und Josua hören. Zu ihnen stößt dann noch Eve hinzu. Dass die Namen teilweise anders als in der Bibel geschrieben werden, merkt man im Hörspiel überhaupt nicht, denn sie werden getreu dem Vorbild ausgesprochen. Noa führt seine Gruppe als post-apokalyptischer Moses durch eine Wüstenlandschaft auf der Suche nach einem heiligen Ort/Land. Statt des Pharaos von Ägypten ist hier der Traumhüter, eine Art Endzeit-Papst, der große Gegenspieler, der sein Territorium von der Cuida Mocwa aus regiert, einer der angeblich vier übrig geblieben Großstädte der Welt. Dort steht der Pfeiler des Ostens, ein gewaltiges Hochhaus. Der Turmbau zu Babel hat dieses Mal also geklappt. Und da wäre dann noch die Sache mit der Insektenplage...

Natürlich kann man all diese Allegorien ignorieren und Krone der Schöpfung dennoch in vollem Umfang genießen. Wer ohnehin nicht so bibelfest ist, dem werden sie wahrscheinlich gar nicht auffallen. Etwas mehr Eigenständigkeit wäre aber dennoch schön.

Dem hörspielbegeisterten SF-Fan sei Krone der Schöpfung auf jeden Fall ans Herz gelegt, denn die Leistungen der Sprecherinnen und Sprecher sowie die Produktionsqualität können sich sehen lassen. Die Geschichte steht erst noch am Anfang, macht aber bereits jetzt schon sehr neugierig auf die Fortsetzung. Was will man mehr?


Link: Website von Utopia - Geschichten aus der Zukunft bei Marctropolis

1 Kommentar:

  1. Mir hat KdS auch verdammt gut gefallen. Allerdings habe ich die religiösen Vergleiche in meinem Kopf beim hören komplett ausgeblendet, da ich so etwas eigentlich überhaupt gar nicht mag.

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