Rezension: Digitalisiert (Virtual Dimension / MindCrusher Studios)

In der Vergangenheit galten Nerds zumeist als weltfremde Sonderlinge, die zwar auf ihrem Spezialgebiet brillierten, im Umgang mit ihren normal begabten Mitmenschen jedoch bestenfalls als ungeschickt zu bezeichnen waren. Der Mainstream hat sich lange Zeit gar nicht für diesen Teil der Gesellschaft interessiert, ihn jedoch kürzlich für ihn entdeckt. Die Sitcom The Big Bang Theory ist ein gutes Beispiel für diesen Sinnes- und Einstellungswandel, der Nerds durchaus sympathische Züge abzugewinnen weiß, auch wenn er deren soziale Inkompetenz weiterhin zur Schau stellt. Im vorliegenden Hörspiel ist es jedoch nicht die Außenwelt, die einen Blick auf die Nerds wirft, sondern es sind die Sonderlinge selber, die sich auf die Schippe nehmen.

Digitalisiert, so der Titel des Hörspiels, wurde zunächst in drei Teilen im Rahmen des Podcasts PhantasticFiction der MindCrusher Studios veröffentlicht und liegt seit dem 19. Februar als Komplettfassung mit einer Laufzeit von ca. 38 Minuten zum kostenlosen Download bereit.

Eigentlich wollten die Jungs von Virtual Dimension nur ganz entspannt ihren neuen Pool auf der Dachterrasse ihres Wolkenkratzers genießen... Doch schneller als sie es begreifen können, sind sie mitten in Ihrem größten Abenteuer: Sie werden digitalisiert! Fortan treffen sie auf viele Absonderlichkeiten, die sich nur im Inneren eines echten Nerd-Computers finden können. Eins ums andere Mal geraten sie in höchst gefährliche Situationen. Ob sie je wieder aus dem Computer herauskommen? Und wo sind eigentlich ihre Frauen? (Klappentext)

Markus Holler, Hagen Hamann, Michael Sacher, Dennis Pauler und Jan Haas sind die Mitglieder von Virtual Dimension, einer Gruppe, die sich 1991 gefunden hat, um Demos und Computerspiele für den Commodore Amiga zu entwerfen. Seit 2005 konzentriert man sich auf die Hörspielproduktion und die Synchronisation von Computerspielen. Diese Informationen, die man noch ausführlicher im schön gestalteten Booklet findet, sind schon notwendig, wenn man das Hörspiel richtig einordnen will. In Digitalisiert spielt sich die Truppe von Virtual Dimension selbst. Besser gesagt, es handelt sich vielmehr um eine überzeichnete Version der Computer-Pioniere. Auch andere Szenegrößen wie Malte und Milo Mundt, Romeo Knight und Makke sowie Jan Obergfell absolvieren Gastauftritte.

Dass Digitalisiert inhaltlich von Filmen wie Tron und klassischen Videospielen inspiriert ist, merkt man schnell und nimmt es durchaus wohlwollend zur Kenntnis, denn allzu viele Hörspielproduktionen dieser Art gibt es derzeit nicht. Der Trip durch die digitale Welt ist dabei recht schnörkellos geraten und man merkt schnell, dass die Situationen zumeist bewusst so angelegt wurden, dass die Protagonisten ausreichend Gelegenheit haben, ihrem Nerdvokabular frönen zu können. Wer etwas vom Programmieren versteht und zur gleichen Generation gehört wie die VD-Mannschaft, der wird es wahrscheinlich lustig finden, wenn in höchster Not, weil man seine Referenz verloren hat und von der Garbage-Collection eingesackt zu werden droht, Objekten neue Attribute zugewiesen werden, die in einer Klasse abgespeichert sind, auf die man in der Klassenbibliothek Zugriff hat. Besteht ein solches Vorwissen nicht, blendet man diese Ausführungen entweder aus und begnügt sich mit der Tatsache, dass ein virtuelles Auto nach dem Eingriff nun auch fliegen kann, oder kratzt sich verwirrt am Kopf, weil man das Gefühl hat, einem fast 40-Minütigen In-Joke zu lauschen. Wer zur letzteren Gruppe gehört, für den wird sich der Spaß an diesem Hörspiel wahrscheinlich in Grenzen halten, denn der Funken springt nur bedingt über. Witzig zu sein gehört zu den schwierigsten Herausforderungen in der Unterhaltung und oftmals zündet die Pointe in dieser Produktion nicht, wenn man eben kein Computer-Nerd ist.

Die Sprecher der Hauptfiguren geben sich Mühe, ein qualitativer Unterschied zu den Sprecherinnen und Sprechern, die man sich zur Verstärkung von den MindCrusher Studios geholt hat, ist jedoch gegeben. Insgesamt führt dies dazu, dass Digitalisiert sich mehr nach einem Fan-Hörspiel anhört. Solange man die Hintergründe der Produktion nicht aus den Augen verliert, ist daran auch nichts auszusetzen. Unreflektierte Hörer könnten jedoch einen falschen Eindruck bekommen. Dabei ist die Produktion vom technischen Gesichtspunkt her sauer ausgeführt. Am Schnitt und an der Tonqualität ist nichts auszusetzen und auch der Soundtrack wurde passend und mit Liebe zum Detail ausgewählt. Das Cover ist schlicht, passt aber zur Geschichte.

Digitalisiert ist ein etwas ungewöhnliches Hörspiel, richtet es sich doch primär an Computer-Nerds, die mit dieser Produktion auch toll bedient werden. Für den Rest der Welt ist der Spaß deutlich geringer. Dafür ist die Geschichte zu simpel und die Figuren werden nicht durch individuelle Charakterzüge für den Hörer greifbar. Es wäre besser gewesen, man hätte Virtual Dimension und seine Mitglieder als Grundlage für komplett fiktive Personen genutzt, weil dann alle Freiheiten bei deren Charakterzeichnung bestanden hätten. Leider wurde diese Chance nicht ergriffen und das Schicksal der Protagonisten lässt einen im Verlauf der Geschichte doch recht unberührt. Eigentlich schade. 


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