Rezension: "Die Windsängerin Teil 1 Second Edition & Teil 2 (Hoerspielprojekt)


Mitte Mai 2009 veröffentlichte Hörspielmacher Sven Matthias in Kooperation mit hoerspielprojekt.de die erste Folge des zweiteiligen Hörspiels Die Windsängerin. Lange mussten sich die Fans gedulden, doch ab morgen Abend (7. März 2010) steht der abschließende Teil endlich auf der Website des Hörspiels zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Doch damit nicht genug, denn zeitgleich erscheint der erste Teil der Geschichte als Second Edition in überarbeiteter Fassung. Für diese Neuauflage wurden nicht nur zahlreiche Details liebevoll überarbeitet, sondern auch einige Rollen neu besetzt. Neben Sven Matthias, Martin Sabel, Conny Hartmann, Detlef Tams, Malcolm Andreasson, Tatjana Auster und Roman Ewert sind nun auch Sylvie Nogler, Ingrid Mülleder, Karen Schulz-Vobach und Tanja Niehoff zu hören. Ein beeindruckender Cast für ein nicht gerade alltägliches Hörspiel.

Der erste Teil mit dem Titel Schatten über Westonbridge hat eine Laufzeit von ca. 78 Minuten und auch der Abschluss Die Suche nach der Wahrheit fällt mit 77 Minuten kaum kürzer aus. Im Zentrum der Handlung steht Ryan Kenrick, ein erfolgreicher Autor, der nach dem Tod seiner Frau an Depressionen und einer Schreibblockade leidet. Darum bietet sein Verleger ihm sein Landhaus auf der Insel Haddington Island an, in das er sich, begleitet von seinem besten Freund Dan Gusbird und seinem treuen Hausmädchen Olivia, zurückzieht, um in Ruhe an seinem neuen Buch zu arbeiten. Doch damit ist es schnell vorbei, als er durch eine seltsame Begegnung in ein Mysterium hineingezogen wird, welches den Ort Westonbridge umgibt. Mit jedem verstreichenden Tag wird die Situation für Ryan und Dan auf Haddington Island bedrohlicher. Während Ryan, gefangen in schmerzlichen Erinnerungen, plötzlich von heftigen Fieberschüben geplagt wird, macht Dan eine grauenvolle Entdeckung in den Dünen. Und bei all dem wird es immer schwieriger zu erkennen, was die Wahrheit hinter dem Geheimnis um die rätselhafte Chloé und den Ort Westonbridge ist.

Die Windängerin lässt als Mystery- oder Gruselhörspiel charakterisieren, das seine Wirkung besonders auf der psychologischen Ebene entfaltet. Das Geschehen wird geprägt durch das karge Haddington Island und seine schrulligen Bewohner, die eine Mauer des Schweigens um das schreckliche Geheimnis errichtet haben, das über der Insel wie ein Fluch liegt. Je mehr sich die Protagonisten Ryan Kenrick und Dan Gusbird daran machen, dieses Geheimnis zu lüften, desto mehr geraten sie selbst in ein psychologisches Dickicht, welches sie an ihren Sinnen zweifeln lässt.

So unspektakulär der Einstieg in die Geschichte sich präsentiert, umso mehr steigert sie sich im Verlauf der Handlung. Der Hörer spürt förmlich, wie sich die Situation immer weiter zuspitzt. Doch befällt den Hörer mehr eine dunkle Vorahnung, was die Nerven des Publikums auf eine harte Probe stellt. Immer mehr verlangt es nach Aufklärung und fiebert dem Ende der Geschichte ungeduldig entgegen. Es ist schon eine hohe Kunst, den Hörer über insgesamt zweieinhalb Stunden nicht von der Angel zu lassen. Sven Matthias schafft dies mit seinem Skript zu Die Windsängerin und beweist damit sein Talent für packende Erzählungen. Selten hat es ein Hörspiel geschafft, dass ich wirklich um die Figuren und ihr Schicksal gebangt habe. Hier ist es in der Tat der Fall.

Um die Handlung glaubwürdig vermitteln zu können und den Hörer über die gesamte Laufzeit zu fesseln, erfordert es in erster Linie eine Sprecherriege von hoher Qualität. Bereits die ursprüngliche Fassung des ersten Teils war gut besetzt, doch mit dem Engagement von Sylvie Nogler, Ingrid Mülleder und Karen Schulz-Vobach konnte nochmals eine Steigerung erreicht werden. Alle Sprecherinnen und Sprecher präsentieren sich in beiden Teilen des Hörspiels in Topform. Dies wird besonders in jenen Passagen deutlich, in denen viele Emotionen im Spiel sind und davon gibt es eine ganze Reihe im Verlauf der Handlung. Die Muschelfrau, gesprochen von Ingrid Mülleder, wird mich sicher noch in einigen Alpträumen verfolgen.

Neben der Sprecherleistung sind die Atmosphäre und die Musik für den Erfolg des Hörspiels von entscheidender Bedeutung. Auf beiden Feldern kann Die Windsängerin überzeugen. Vom Rauschen des Meeres, über das Kreischen des Vögel bis hin zum entfernten Läuten der Kirchenglocke von Westonbridge ist alles da, um im Kopf des Hörers ein Bild entstehen zu lassen, ihm das Gefühl zu geben, vor seinem inneren Auge laufe ein Film ab. Fans nennen Hörspiele deshalb auch Kopfkino. Viele weitere kleine Details tragen wirkungsvoll zur Atmosphäre des Hörspiels bei. Die Musik hat mir gut gefallen, denn sie schafft es, die jeweiligen Szenen effektvoll zu unterstützen. Komponist Alexander Gühlke scheint sich im Horror- oder Grusel-Genre mehr wohl zu fühlen, als z.B. in den Weiten des Weltalls. Obwohl seine Kompositionen zu Rick Future auch nicht schlecht sind, waren sie zuletzt bei Nightmares und jetzt bei Die Windsängerin irgendwie noch stimmungsvoller. Es war richtig von Sven Matthias, die Verantwortung für den Soundtrack in Gühlkes Hände zu legen.

Wie immer bei Produktionen von hoerspielprojekt.de gibt es auch zu diesem Hörspiel ein Cover, dass man sich ausdrucken kann, sollte man sich dafür entscheiden, sich die Geschichte auf CD zu brennen. Dieses Mal gibt es sogar zwei Cover, für jeden Teil ein eigenes. Leider muss ich sagen, dass mir das Artwork für Teil 2, geschaffen von Dennis Mahring, nicht recht gefallen mag. Vielleicht liegt es daran, dass sich Mahrings Stil doch recht deutlich von dem von Johannes Voss unterscheidet, der das Cover für den ersten Teil kreiert hat. Aber da sind die Geschmäcker ja bekanntlich verschieden.

Sven Matthias beweist mit dieser Geschichte, dass er sich auch im Genre der Mystery absolut zu Hause fühlt. Die Windsängerin ist wahrscheinlich seine bislang beste Produktion und die Wartezeit auf den abschließenden Teil hat sich absolut gelohnt. Wer den Kinofilm Shining mochte, der wird Die Windsängerin lieben.


Link 1: Website des Hörspiels "Die Windsängerin"
Link 2: Website von hoerspielprojekt.de

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